AIYA ANUSHA

Diese Geschichten sind reine Fanfiction und basieren auf bzw. sind inspiriert von den Geschichten und Ideen, die wir für unseren Verein Vulkan Spirit schreiben.

Jede Woche erscheint ein neuer Teil, der die Abenteuer rund um die Aiya Anusha Space Station und ihre Crew weitererzählt. So wächst unsere Geschichte Woche für Woche weiter.

Disclaimer: Star Trek sowie alle damit verbundenen Namen, Figuren, Schiffe, Spezies und sonstigen Elemente sind Eigentum der jeweiligen Rechteinhaber, insbesondere Paramount/CBS. Dieses Fanprojekt ist nicht kommerziell und dient ausschließlich der Unterhaltung von Fans.

Alle von uns selbst entwickelten Charaktere, Handlungen und Ideen rund um die Aiya Anusha Space Station sind Teil unseres fanbasierten, fiktiven Universums.

TEIL 1

EIN NEUER NAME

Es war eine erbitterte Schlacht gewesen.

Eine Schlacht, die Tod und Zerstörung hinterlassen hatte.

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Schiffe waren vernichtet worden. Besatzungsmitglieder waren gefallen. Freundschaften waren zerbrochen, und ganze Decks der Raumstation Aiya Anusha trugen noch immer die Narben der Kämpfe.

Viele stellten sich dieselbe Frage:

War all das wirklich notwendig gewesen?

Hätte man die Katastrophe verhindern können?

Oder war dieser Konflikt irgendwann unausweichlich geworden?

Auf diese Fragen gab es noch keine Antworten.

Vielleicht würde es sie niemals geben.

Doch eines war sicher:

Die Schlacht war vorbei.

Zumindest vorerst.

Tasha Franks stand allein in ihrem Quartier auf der Aiya Anusha.

Erst vor Kurzem war sie befördert worden, doch an diesem Tag empfand sie keinerlei Freude darüber.

Ihr rechter Arm befand sich noch immer in einer medizinischen Schiene. Die Verletzung war komplizierter gewesen, als selbst die Ärzte der Sternenflotte zunächst angenommen hatten. Mehrere Nervenbahnen und Knochenstrukturen mussten sich regenerieren, und selbst die moderne Medizin konnte nicht jedes Problem innerhalb weniger Minuten verschwinden lassen.

Tasha betrachtete die Schiene beinahe mit Stolz.

Nicht, weil sie verletzt worden war.

Sondern schlicht deshalb, weil sie noch am Leben war.

Mit langsamen Schritten trat sie an das große Panoramafenster ihres Quartiers.

Draußen, in der unendlichen Schwärze, trieben die stummen Überreste der Schlacht vorbei.

Ein Meer aus Trümmern.

Ausgebrannte Hüllenteile und zerfetzte Metallstücke.

Dazwischen trieben zerstörte Rettungskapseln, die niemandem mehr Schutz geboten hatten.

In einiger Entfernung war die Silhouette der USS Terrania zu erkennen, die schwer gezeichnet aus dem Chaos hervorragte.

Tasha schloss erschöpft die Augen.

„Ich hätte niemals geglaubt, dass der Preis für diesen Sieg so hoch sein würde“, flüsterte sie sich selbst zu.

Auf ihrem Schreibtisch warteten derweil Hunderte Namen auf ihre Aufmerksamkeit.

Es war die Liste der gefallenen Offiziere.

Techniker.

Piloten.

Sicherheitspersonal.

Menschen, Vulkanier, Andorianer, Tellariten und Angehörige vieler anderer Welten der Föderation.

Tasha wusste, dass sie unmöglich jedem Angehörigen persönlich einen vollständigen Brief schreiben konnte.

Der Computer würde die einzelnen Schreiben vervielfältigen und anpassen müssen.

Aber die ursprünglichen Worte sollten von ihr stammen.

Nicht von einem Computer.

Nicht von einer künstlichen Intelligenz.

Von ihr.

Und jeden einzelnen Brief würde sie persönlich digital unterzeichnen.

Es war vielleicht nur eine kleine Geste.

Doch für Tasha bedeutete sie etwas.

Jeder Name auf dieser Liste war ein Leben gewesen.

Keiner von ihnen sollte einfach zu einer Zahl in einem Verlustbericht werden.

Nur wenige Stunden zuvor hatte Tasha die Krankenstation besucht.

Dort lag Captain T’Leya.

Die Kommandantin der USS Terrania hatte schwere Verletzungen erlitten. Mehrere Knochen waren gebrochen worden, dazu kamen Verbrennungen und Schäden durch eine Überlastung der Trägheitsdämpfer während der letzten Phase der Schlacht.

Doch die Ärzte waren optimistisch.

Sie würde wieder gesund werden.

Tasha setzte sich neben ihr Bett und nahm vorsichtig ihre Hand.

„Ich wünschte, es hätte mich getroffen und nicht dich.“

T’Leya sah sie streng an.

„Sag so etwas nicht.“

„T’Leya …“

„Nein.“

Ihre Stimme war schwach, aber bestimmt.

„Ich habe meine Entscheidung selbst getroffen. Wir mussten ihn stoppen.“

Tasha schwieg.

T’Leya blickte zur Decke der Krankenstation.

„Es musste enden.“

Eine lange Stille entstand.

Dann sagte sie:

„Das Schwierigste ist nicht einmal die Verletzung.“

Tasha sah sie an.

„Was dann?“

T’Leya schluckte.

„Ich kannte diesen Mann dreißig Jahre.“

Ihre Stimme wurde leiser.

dreißig Jahre, Tasha. Ich dachte, ich würde ihn kennen.“

Sie schüttelte langsam den Kopf.

„Ich dachte immer, irgendwo wäre noch etwas Gutes in ihm.“

Tasha wollte ihr nicht widersprechen.

Sie wusste, dass T’Leya lange versucht hatte, an das Gute in Menschen zu glauben.

Vielleicht war genau das eine ihrer größten Stärken gewesen.

Vielleicht manchmal auch ihre größte Schwäche.

dreißig Jahre sind eine lange Zeit“, sagte Tasha.

T’Leya nickte.

„Warum habe ich so lange geglaubt, dass er sich ändern könnte?“

„Weil du Menschen nicht einfach aufgibst.“

T’Leya sah sie an.

Tasha fuhr fort:

„Und trotzdem hast du gewusst, wann die Grenze erreicht war.“

Sie drückte vorsichtig ihre Hand.

„Als es darauf ankam, hast du ihn gestoppt.“

T’Leya schwieg.

T’Leya lächelte schwach.

Dann wurde ihr Gesicht wieder ernst.

„Tasha, was passiert mit meinem Schiff?“

Tasha wusste sofort, was sie meinte.

Die USS Terrania hatte die Schlacht überlebt.

Aber nur knapp.

Die Backbordwarpgondel war praktisch zerstört. Mehrere Decks waren drucklos. Die EPS-Verteiler waren an Dutzenden Stellen durchgebrannt. Der sekundäre Computerkern war ausgefallen, und die strukturelle Integrität der Untertassensektion lag weit unter Sternenflottenstandard.

Eine Reparatur wäre technisch vielleicht noch möglich gewesen.

Doch die Sternenflotteningenieure waren zu einem eindeutigen Schluss gekommen: Das Schiff würde außer Dienst gestellt werden.

„Wir wissen inzwischen, was mit ihr passiert“, antwortete Tasha.

T’Leya sah sie lange an.

Dann sagte sie:

„Ich auch.“

Tasha hob eine Augenbraue.

„Was meinst du?“

T’Leya atmete tief durch.

„Die Terrania soll nicht wiederaufgebaut werden.“

Tasha schwieg einen Moment.

„Du willst sie wirklich außer Dienst stellen?“

„Ja.“

T’Leya blickte durch das Fenster der Krankenstation hinaus zu ihrem beschädigten Schiff.

„Sie hat ihre letzte Schlacht geschlagen.“

Sie wandte sich wieder Tasha zu.

„Wir werden retten, was wir retten können. Die Logbücher. Die Erinnerungen. Alles, was zu ihrer Geschichte gehört.“

Dann sagte sie entschieden:

„Aber die Terrania selbst bekommt ihren verdienten Ruhestand.“

Tasha wartete.

T’Leya lächelte zum ersten Mal.

„Und mein nächstes Schiff soll USS Albertina heißen.“

Tasha ließ den Namen einen Moment auf sich wirken.

„USS Albertina.“

T’Leya nickte.

„Ein neues Kapitel.“

„Ein völlig neues Schiff?“

„Ja.“

T’Leyas Augen leuchteten.

„Kein Umbau. Kein Refit. Keine umbenannte Terrania.“

Sie deutete schwach in Richtung Fenster.

„Ein neuer Rumpf. Ein neues Schiff. Aber mit einer Crew, die weiß, was sie überlebt hat.“

Dann wurde ihre Stimme fester.

„Die Terrania bleibt Teil unserer Geschichte. Aber die Albertina beginnt ihre eigene.“

Tasha war zunächst unsicher.

Ein Schiffsname war mehr als nur ein Schriftzug auf einer Hülle.

Er war Tradition.

Identität.

Geschichte.

Doch vielleicht war genau deshalb ein wirklich neues Schiff notwendig.

Sie nickte.

„Wenn du als Captain glaubst, dass deine Crew diesen Neuanfang braucht, werde ich deinen Antrag für die Albertina unterstützen.“

T’Leya lächelte.

„Danke.“

Tasha stand auf.

„Und jetzt ruhst du dich aus.“

T’Leya verdrehte leicht die Augen.

„Ich habe lange genug geruht.“

„Du liegst seit nicht einmal einem Tag hier.“

„Eben.“

Tasha musste lachen.

T’Leya fuhr fort:

„Ich will zurück zu meiner Crew.“

Ihr Blick wurde ernst.

„Wir haben viel Arbeit vor uns.“

Sie sah wieder hinaus zur schwer beschädigten Terrania.

„Der Abschied wird nicht leicht.“

Tasha nickte.

„Aber dann beginnt etwas Neues.“

T’Leya streckte ihr die Hand entgegen.

Tasha nahm sie.

Beide wussten, dass sich vieles verändern würde.

Vielleicht mehr, als sie im Moment ahnten.

Wenig später befanden sich Tasha Franks und Umrem Troxi im Kommandozentrum der Aiya Anusha.

Umrem stand vor der großen taktischen Anzeige und betrachtete die Schäden der Station.

Tasha stand neben ihm.

Troxi sah sie an.

„Soll ich dir gratulieren?“

Tasha hob die Augenbrauen.

„Oder?“

„Oder soll ich dir mein Beileid aussprechen?“

Tasha lachte kurz.

„Für mich ist jede neue Aufgabe eine Gelegenheit.“

Umrem Troxi nickte.

Dann betrachtete er erneut die beschädigten Bereiche der Station.

„Es gibt Leute, die Aiya Anusha noch immer mit ihm verbinden.“

Tasha wurde sofort ernst.

„Sag das nicht.“

„Es stimmt.“

„Nein.“

Tasha trat näher an das Fenster.

„Aiya Anusha ist keine einzelne Person.“

Sie deutete hinaus auf die Station.

„Das hier ist größer als irgendeine einzelne Person.“

Besatzungsmitglieder arbeiteten draußen in Raumanzügen an beschädigten Sensor Modulen.

„Diese Station gehört allen, die hier leben und arbeiten.“

Tasha sah Umrem an.

„Und wir werden dafür sorgen, dass sie wieder zu dem wird, was sie sein sollte.“

Umrem lächelte.

„Das hoffe ich.“

Er legte ihr die Hand auf die Schulter.

„Und ich werde dich dabei unterstützen.

Tasha sah ihn überrascht an.

„Wie meinst du das?“

„Du wirst einen guten Ersten Offizier brauchen.“

Tasha starrte ihn an.

„Du?“

Umrem nickte.

„Du bist Captain der USS Persepolis.“

„Und das bleibe ich auch.“

Tasha verstand ihn noch immer nicht.

Umrem erklärte:

„Ich habe mit dem Sternenflottenkommando gesprochen. Die Persepolis wird weiterhin offiziell unter meinem Kommando stehen.“

Er deutete auf die taktische Anzeige.

„Aber meine unmittelbare Priorität wird vorerst Aiya Anusha sein. Solange ich hier eingesetzt bin, übernimmt mein Erster Offizier auf der Persepolis das Tageskommando.“

„Starfleet hat zugestimmt?“

„Mehr oder weniger.“

Tasha grinste.

„Das klingt nicht besonders überzeugend.“

„Ich habe gelernt, dass ein Admiral, der nach drei Stunden Diskussion sagt: ‚Tun Sie, was Sie für richtig halten‘, im Grunde zugestimmt hat.“

Tasha lachte.

Dann wurde Umrem wieder ernst.

„Aiya Anusha braucht ein Schiff in unmittelbarer Nähe.“

Er aktivierte die Anzeige der Persepolis.

„Und ein einsatzbereites Sternenflottenschiff in Reichweite einer strategisch wichtigen Raumstation ist niemals eine schlechte Idee.“

Tasha blickte auf das Schiff.

„Deep Space Nine hatte die USS Defiant, und wir werden die Persepolis haben.“

Umrem nickte.

„Ganz genau.“

Tasha sah Umrem ernst an.

„Du erwarten weitere Angriffe.“

Umrem antwortete ohne zu zögern.

„Ja.“

Tasha wurde ernst.

„Ich dachte, unser Feind wäre besiegt.“

„Das dachte ich ebenfalls.“

Umrem aktivierte ich eine neue Datei.

Eine Karte der Galaxis erschien.

Die Ansicht bewegte sich immer weiter hinaus.

Bis zum Delta-Quadranten.

Tasha sah überrascht auf die Karte.

„Was hat das mit uns zu tun?“

„Unseren Informationen zufolge ist Tarmak entkommen.“

Tasha erstarrte.

„Wohin?“

Umrem deutete auf den Delta-Quadranten.

„Dorthin.“

„Das ist unmöglich.“

„Ich wünschte, es wäre so.“

Umrem rief weitere Daten auf.

„Und offenbar ist er einer Organisation beigetreten.“

Tasha verschränkte die Arme.

„Welcher?“

Umrem schüttelte den Kopf.

„Wir haben noch keinen vollständigen Namen. Unsere Nachrichtendienstinformationen sind fragmentarisch.“

Er tippte etwas ein.

Auf dem Bildschirm erschienen drei Buchstaben.

STA.

„Das ist alles, was wir haben.“

Tasha sah ihn an.

„Und du hast von Verbündeten gesprochen.“

Umrem nickte langsam.

„Tarmak ist nicht allein.“

„Seine Fanatiker?“

Tasha kannte sie.

Menschen, die Tarmak beinahe religiös verehrt hatten.

Die ihn „Fleet Admiral“ genannt hatten.

Einige sogar „Gottkaiser“.

„Einige davon sind noch immer aktiv“, sagte Umrem. „Aber sie sind nicht unser größtes Problem.

Tasha sah ihn an.

„Wer dann?“

Umrem aktivierte ein Bild.

Tasha erkannte den Mann sofort.

„Hasad.“

Sie sah überrascht auf sein Bild.

Dann schüttelte sie den Kopf.

„Das ergibt keinen Sinn. „Hasad hasste Tarmak.“

„Das wissen wir.“

„Die beiden waren Feinde.”

„Waren.“

Tasha trat näher an den Bildschirm.

„Warum sollte er sich ihm anschließen?“

Umrem verschränkte die Arme.

„Weil Feinde manchmal ihre Differenzen vergessen, wenn sie einen gemeinsamen Gegner finden.“

Tasha verstand.

„Uns.“

Umrem nickte.

„Dich. Mich. Aiya Anusha.“

Er blickte auf das Föderationssymbol.

„Und möglicherweise die Föderation selbst.“

Tasha runzelte die Stirn.

„Was will Hasad?“

„Ordnung.“

„Das klingt zunächst nicht besonders gefährlich.“

Umrem Troxi sah sie ernst an.

„Seine Vorstellung davon schon.“

Er öffnete weitere Geheimdienstberichte.

„Hasad idealisiert autoritäre Imperien der Erdgeschichte, insbesondere das Römische Reich. Eine starke Zentralmacht. Absolute Hierarchien. Keine Föderation gleichberechtigter Welten.“

Tasha schüttelte den Kopf.

„Ein Imperium.“

„Genau.“

Tasha sah wieder auf die Sternenkarte.

„Tarmak will Rache.“

„Und Hasad will Macht“, ergänzte Umrem.

„Eine gefährliche Kombination“, sagte Tasha.

„Sehr.“

Tasha atmete tief durch.

„Dann haben wir keine Zeit zu verlieren.“

Sie sah auf die beschädigte Station.

„Aiya Anusha muss wieder voll einsatzbereit werden.“

Dann blickte sie zur schwer beschädigten Terrania, die bald außer Dienst gestellt werden würde.

„Und die neue Albertina muss so schnell wie möglich einsatzbereit werden.“

Und schließlich zur Persepolis.

„Und wir brauchen jedes Schiff, das wir bekommen können.“

In diesem Moment ertönte ein Alarm.

PIEP. PIEP. PIEP.

Der Kommunikationsoffizier drehte sich um.

„Admiral Franks!“

Tasha trat zur Konsole.

„Was ist?“

„Eingehende Transmission.“

„Quelle?“

Der Offizier schüttelte den Kopf.

„Unbekannt.“

Umrem trat neben den Kommunikationsoffizier.

„Subraumrelais?“

„Negativ.“

„Föderationsfrequenz?“

„Negativ.“

Tasha wurde unruhig.

„Woher kommt sie dann?“

Der Offizier betrachtete seine Anzeigen.

„Sehr weit entfernt.“

„Wie weit?“

Der Mann blickte zu Tasha.

„Die Laufzeit lässt sich nicht bestimmen. „Das Signal enthält eine ungewöhnliche Transwarp-Trägerwelle.“

Umrem und Tasha sahen einander an.

Delta-Quadrant.

Tasha richtete sich auf.

„Computer.“

Ein Signalton erklingt.

„Transmission abspielen.“

Zunächst war nur statisches Rauschen zu hören.

Dann erschien eine dunkle Silhouette auf dem Hauptschirm.

Das Bild flackerte.

Eine Stimme erfüllte das Kommandozentrum.

Tasha kannte diese Stimme.

Sie hatte gehofft, sie niemals wieder hören zu müssen.

Tarmak.

„Meine alten Freunde.“

Niemand sprach.

„Ihr dachtet, es wäre vorbei.“

Tarmak lachte leise.

„Ihr dachtet, eure kleine Schlacht hätte etwas verändert.“

Das Bild verzerrte sich.

„Aber die Mühlen der Gerechtigkeit drehen sich langsam.“

Eine Pause.

„Und meine Rache wird süß sein.“

Tasha ballte ihre gesunde Hand zur Faust.

Tarmak sprach weiter.

„Ihr alle.“

Das Bild wechselte kurz zwischen verrauschten Aufnahmen von Tasha, Umrem und Aiya Anusha.

„Jeder einzelne Kollaborateur.“

Seine Stimme wurde kalt.

„Ihr werdet bezahlen.“

Umrem trat näher an den Hauptschirm.

Tarmak lächelte.

„Und wenn ihr wissen wollt, was als Nächstes kommt …“

Für einen Moment brach das Signal beinahe zusammen.

Dann sagte er nur zwei Worte:

„Omega-Direktive.“

Tasha erstarrte.

Umrem verlor jede Farbe im Gesicht.

Tasha blickte zu ihm.

„Was bedeutet das?“

Doch Umrem antwortete nicht.

Tarmaks letztes Flüstern erklang über die Lautsprecher.

„Bald werdet ihr es verstehen.“

Das Signal brach ab.

Der Hauptschirm wurde schwarz.

Im Kommandozentrum herrschte völlige Stille.

Tasha starrte auf ihr eigenes Spiegelbild im dunklen Bildschirm.

Dann sagte sie leise:

„Also beginnt es.“

Umrem sah zu ihr.

Tasha wiederholte es.

Diesmal fester.

„Also beginnt es.“

FORTSETZUNG FOLGT …

TEIL 2

DER FEIND IM INNEREN

Seit dem Dominionkrieg hatte die Föderation kaum eine solche Zerstörung erlebt.

Doch diesmal war etwas anders.

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Vielleicht war es sogar schlimmer.

Denn der Feind war nicht aus dem Gamma-Quadranten gekommen.

Keine fremde Armada hatte die Grenzen der Föderation überschritten. Keine unbekannte Macht hatte der Erde den Krieg erklärt. Keine Invasionsflotte war plötzlich aus dem Subraum aufgetaucht.

Dieser Krieg war aus der Föderation selbst entstanden.

Aus jener Gesellschaft, die sich seit Jahrhunderten als Beweis dafür verstand, dass Menschen ihre dunkelsten Instinkte überwinden konnten.

Krieg.

Hunger.

Nationalismus.

Fanatismus.

Die Vorstellung, ein Volk sei mehr wert als ein anderes.

Der Erste Kontakt mit den Vulkaniern hatte die Geschichte der Menschheit verändert. Aus ehemaligen Feinden waren Verbündete geworden. Aus rivalisierenden Welten entstand schließlich die Vereinigte Föderation der Planeten.

Menschen dienten neben Vulkaniern.

Andorianer neben Tellariten.

Dutzende Spezies erforschten gemeinsam die Galaxis.

Die Erde galt als Paradies.

Als Utopie.

Zumindest glaubten das die meisten.

Doch selbst ein Paradies konnte Risse bekommen.

Und manchmal genügte ein einziger Mann, um aus einem kleinen Riss einen Abgrund zu machen.

Sein Name war Tarmak.

Lange bevor der erste Phaserstrahl das All um Aiya Anusha erhellte, hatte Tarmak noch keine Sternenflottenuniform getragen.

Er war Politiker gewesen.

Ein erfolgreicher.

Vielleicht sogar ein außergewöhnlich erfolgreicher.

Tarmak verstand Menschen.

Vor allem verstand er ihre Ängste.

Er wusste, dass Angst selten mit großen Worten begann.

Sie begann mit einer Frage.

Warum?

Warum musste die Erde immer Rücksicht auf andere Welten nehmen?

Warum sollten Entscheidungen über die Menschheit gemeinsam mit Vulkaniern, Andorianern und Tellariten getroffen werden?

Warum, fragte Tarmak immer wieder, dürfe die Erde nicht zuerst an sich selbst denken?

Anfangs waren seine Veranstaltungen klein gewesen.

Einige Hundert Menschen.

Dann Tausende.

Später Millionen vor öffentlichen Übertragungen.

Tarmak sprach nicht sofort von Hass.

Dafür war er zu intelligent.

Er sprach von Heimat.

Von Tradition.

Von Sicherheit.

Von der Sorge, dass die Erde ihre Identität verlieren könnte.

Und irgendwann hatte seine Bewegung einen Namen.

Die Erde im Mittelpunkt..

Eine seiner bekanntesten Reden hielt Tarmak in Wien.

Die Veranstaltung fand nur wenige Meter vom Stephansplatz entfernt statt – einem sehr wichtigen Ort, auch in der Zukunft Wiens und der Erde.

Zehntausende Menschen standen vor der Bühne.

Weitere Millionen sahen die Übertragung.

Tarmak ließ sich Zeit.

Er trat an das Rednerpult und blickte schweigend über die Menge.

Er wusste genau, dass Stille manchmal wirkungsvoller war als jedes Geschrei.

Dann begann er.

„Ich muss heute etwas sagen.“

Jubel.

Tarmak hob die Hand.

Die Menge wurde langsam ruhiger.

„Man erzählt euch jeden Tag, dass alles in Ordnung ist.“

Er sah von einer Seite des Platzes zur anderen.

„Dass die Föderation funktioniert.“

Eine Pause.

„Dass wir uns keine Sorgen machen sollen.“

Tarmak lächelte schwach.

„Dass wir einfach wegsehen sollen.“

Einige Menschen begannen zu applaudieren.

Tarmak wartete.

Dann sagte er:

„Ich war gestern im Wiener Prater.“

Die Reaktion war zunächst verhalten.

„Ich wollte spazieren gehen. Das Riesenrad sehen. Etwas von jener Erde erleben, die unsere Großeltern aufgebaut haben.“

Seine Stimme wurde ruhiger.

„Und wisst ihr, was ich gesehen habe?“

Er machte eine Pause.

„Romulaner.“

Das Wort allein genügte.

Tarmak ließ einige Sekunden verstreichen.

Hinter ihm erschien ein holografisches Bild des Wiener Praters.

Das Riesenrad.

Familien.

Menschen.

Und zwischen ihnen Romulaner.

Männer, Frauen und Kinder, die nach der Zerstörung ihrer Heimatwelt auf der Erde Zuflucht gefunden hatten.

Das Bild zeigte nichts Bedrohliches.

Menschen und Romulaner gingen gemeinsam durch den Prater, Kinder standen vor den Attraktionen, Familien saßen in den Restaurants.

Tarmak wusste das.

Aber seine Worte sollten dafür sorgen, dass sein Publikum etwas anderes darin sah.

„Man sagt uns, wir müssten Verständnis haben.“

Tarmak ging langsam über die Bühne und ließ seinen Blick über die Menge wandern.

„Ihre Welt wurde zerstört. Millionen verloren ihre Heimat. Und natürlich hat die Föderation sofort ihre Türen geöffnet.“

Er machte eine kurze Pause.

„Wie immer.“

Ein leises Murmeln ging durch die Menge.

„Man sagte uns: Habt Mitgefühl. Seid großzügig. Stellt keine Fragen.“

Seine Stimme wurde härter.

„Aber ich frage euch: Wer denkt eigentlich an uns?“

Jetzt wurde es still.

„Wer fragt die Menschen auf der Erde, was sie wollen? Wer fragt euch, wie viele wir aufnehmen sollen? Wie viel wir opfern sollen? Wie oft wir zurückstehen sollen?“

Tarmak hob die Hand.

„Natürlich verdienen Menschen – und auch Romulaner – nach einer Katastrophe Hilfe.“

Dann senkte er die Stimme.

„Aber Hilfe ist das eine.“

Kurze Pause.

„Unsere Heimat aufzugeben, ist etwas ganz anderes.“

Einige Köpfe in der Menge nickten.

„Aber wir haben schon damals gesagt, dass wir uns mit der Vorstellung schwertun, immer mehr Angehörige fremder Welten auf der Erde aufzunehmen.“

Er deutete auf das Bild hinter sich.

„Und jetzt sind es die Romulaner.“

Seine Stimme wurde leiser.

„Was kommt danach?“

Stille.

Tarmak blickte direkt in die Kameras.

„Klingonen?“

Ein Raunen ging durch die Menge.

„Cardassianer?“

Weitere Stimmen.

„Völker, die unsere Geschichte nicht kennen. Unsere Traditionen nicht verstehen. Unsere Kultur nicht teilen.“

Er ließ den Blick über sein Publikum wandern.

„Und die Föderation?“

Tarmak schüttelte langsam den Kopf.

„Die Föderation wurde einst geschaffen, um die Erde gemeinsam mit unseren Verbündeten zu schützen.“

Er zeigte erneut auf die romulanischen Familien im Hintergrund.

„Jetzt erklärt uns dieselbe Föderation, dass wir unsere ehemaligen Feinde auf unserer eigenen Welt aufnehmen müssen.“

Der Applaus wurde lauter.

„Und bevor unsere Gegner jetzt wieder sagen, Tarmak verbreite Hass …“

Er lachte.

Einige Zuschauer ebenfalls.

„Nein.“

Seine Stimme wurde fester.

„Ich stelle nur eine Frage.“

Er blickte direkt in die Kameras.

„Wann dürfen wir eigentlich noch sagen, dass die Erde unsere Heimat ist?“

Lauter Jubel.

Tarmak wartete.

„Wann dürfen wir noch sagen, dass Wien eine Stadt der Erde ist?“

Applaus.

„Wann dürfen wir noch sagen, dass die Menschheit das Recht hat, über ihre eigene Zukunft zu entscheiden?“

Jetzt standen viele Menschen.

Tarmak sprach lauter.

„Unsere Gegner werden euch sagen, dass solche Fragen intolerant sind.“

Buhrufe.

„Sie werden euch sagen, dass wir rückständig sind.“

Noch mehr Buhrufe.

„Sie werden mich Extremist nennen.“

Er lächelte.

„Vielleicht sogar einen Feind der Föderation.“

Tarmak deutete auf das Bild des Praters.

„Aber während sie uns beschimpfen, verändert sich unsere Welt weiter.“

Seine Stimme wurde wieder ruhiger.

Fast vertraulich.

„Heute Wien.“

Eine Pause.

„Morgen Paris.“

Noch eine Pause.

„Übermorgen vielleicht die gesamte Erde.“

Die Menge wurde still.

Tarmak wusste, dass der Moment gekommen war.

„Und in zwanzig Jahren werden unsere Kinder vielleicht auf einer Erde aufwachsen, die sie kaum noch wiedererkennen.“

Er schlug mit der Hand auf das Rednerpult.

„Ich sage nicht, dass wir die Föderation verlassen müssen.“

Die Menge schwieg.

Dann fügte Tarmak hinzu:

„Noch nicht.“

Jubel brach aus.

Tarmak ließ ihn mehrere Sekunden laufen.

Dann hob er erneut die Hand.

„Ich sage nur: „Denkt nach.“

Er blickte direkt in die Übertragungskamera.

„Denn wenn wir unsere Heimat nicht verteidigen, wird irgendwann jemand anderes entscheiden, was aus ihr wird.“

Hinter ihm verschwanden die Bilder.

Zwei Wörter erschienen.

Die Erde im Mittelpunkt..

Der Platz explodierte förmlich vor Jubel.

Viele politische Beobachter bezeichneten Tarmaks Aufstieg damals als vorübergehendes Phänomen.

Ein populistischer Politiker.

Laut.

Provokant.

Aber letztlich ungefährlich.

Einige Historiker warnten.

Andere lachten.

Tarmak wuchs weiter.

Seine Anhänger sahen in ihm einen Mann, der angeblich Dinge aussprach, die sonst niemand mehr sagen durfte.

Jedes Problem hatte plötzlich einen Schuldigen.

Versorgungsengpässe auf einer menschlichen Kolonie?

Die Föderation.

Ein Konflikt mit einem außerirdischen Handelspartner?

Die Föderation.

Eine Entscheidung des Föderationsrates?

Vulkan.

Andoria.

Tellar.

Irgendjemand.

Nur niemals Tarmak.

Dabei gab es etwas, das kaum jemand über ihn wusste.

Etwas, das zu seiner eigenen Ideologie überhaupt nicht passte.

Tarmak war selbst nicht vollständig menschlicher Abstammung.

Ein Teil seiner Familie stammte von einer außerirdischen Spezies.

Für die meisten Menschen der Föderation wäre diese Tatsache vollkommen bedeutungslos gewesen.

Für Tarmaks Bewegung jedoch nicht.

Also verschwieg er sie.

Biografische Daten wurden verändert.

Medizinische Informationen verschwanden aus Archiven.

Fragen nach seiner Herkunft beantwortete Tarmak mit Gegenfragen.

Und irgendwann stellte sie kaum noch jemand.

Tarmak kam einem der höchsten politischen Ämter der Erde gefährlich nahe.

Für einige Wochen glaubten selbst seine Gegner, dass er gewinnen könnte.

Dann verlor er.

Knapp.

Aber eindeutig.

Seine Anhänger sprachen von Betrug.

Von Manipulation.

Von einer angeblichen Verschwörung des politischen Systems.

Tarmak selbst blieb überraschend ruhig.

Bei seiner letzten öffentlichen Rede sagte er nur:

„Die Geschichte ist noch nicht zu Ende.“

Dann verschwand er.

Jahre später tauchte sein Name erneut auf.

Diesmal an einem Ort, an dem niemand ihn erwartet hatte.

In einer Personalakte der Sternenflotte.

Tarmak war Offizier geworden.

Der Mann, der jahrelang gegen die Föderation gesprochen hatte, trug plötzlich ihre Uniform.

Er erklärte, seine Vergangenheit hinter sich gelassen zu haben.

Er sprach von Reife.

Von Fehlern.

Von einer neuen Sicht auf die Galaxis.

Tarmak behauptete, er wolle dienen.

Und die Föderation glaubte an zweite Chancen.

Das war eine ihrer größten Stärken.

Vielleicht war es in Tarmaks Fall auch eine ihrer größten Schwächen.

Nach außen war er ein vorbildlicher Offizier.

Diszipliniert.

Intelligent.

Organisiert.

Charismatisch.

Er stieg auf.

Lieutenant.

Lieutenant Commander.

Doch dann endete sein Aufstieg.

Jahrelang bekam Tarmak keinen höheren Posten.

Keine Beförderung.

Kein eigenes Kommando.

Nicht die Rolle, die er seiner Meinung nach längst verdient hatte.

Für ihn war das eine Demütigung.

Er hielt sich für größer.

Für wichtiger.

Für überlegen.

Und natürlich waren wieder die anderen schuld.

Admiräle.

Vorgesetzte.

Politische Gegner.

Das System.

Nur niemals er selbst.

Doch Tarmak war nicht allein.

Im Verborgenen hatte er sich über Jahre hinweg Verbündete geschaffen.

Menschen innerhalb der Föderation und sogar in den Reihen der Sternenflotte, die seine Ansichten teilten oder glaubten, ihn für ihre eigenen Ziele benutzen zu können.

Diese geheimen Unterstützer öffneten ihm schließlich Türen, die ihm sonst verschlossen geblieben wären.

Sie brachten seine festgefahrene Karriere wieder in Bewegung.

Sie halfen ihm bei seiner Beförderung zum Commander.

Und schließlich verschafften sie ihm einen Posten, der ihm weit mehr Macht gab, als irgendjemand hätte zulassen dürfen:

das Kommando über die Raumstation Aiya Anusha.

Aiya Anusha war strategisch bedeutend.

Mehrere Subraumkorridore kreuzten sich in der Region.

Wissenschaftsschiffe machten dort Halt.

Versorgungskonvois wurden neu zusammengestellt.

Sternenflottenschiffe konnten repariert und bewaffnet werden.

Vor allem aber gab es in der Nähe eine Zone instabilen Subraums.

Seit Jahrzehnten war sie bekannt.

Warpfelder verhielten sich dort unberechenbar.

Sensoren lieferten widersprüchliche Daten.

Subraum Kommunikation brach immer wieder zusammen.

Schiffe vermieden die Region.

Für Tarmak war sie perfekt.

Zunächst verschwanden nur Kleinigkeiten.

Ein Phaserrelais.

Ein Industriereplikator.

Ein ausgemustertes Shuttle.

Deuteriumbehälter.

Warpplasma-Regulatoren.

Dann ganze Transportcontainer.

Ausgemusterte Schiffe wurden offiziell verschrottet.

Tatsächlich verschwanden sie in der Subraumzone.

Tarmak arbeitete langsam.

Jahrelang.

Aus Ersatzteilen entstanden Systeme.

Aus Systemen entstanden Schiffe.

Aus Schiffen wurde eine Flotte.

Tief innerhalb der Subraumzone entstand eine geheime Station.

Künstliche Gravitonfelder verzerrten die Sensoren.

Metaphasische Abschirmungen verschluckten Energiesignaturen.

Tachyonen-Emitter erzeugten falsche Subraumreflexionen.

Selbst ein Sternenflottenschiff hätte in wenigen Millionen Kilometern Entfernung vorbeifliegen können, ohne etwas zu bemerken.

Dort versammelte Tarmak seine Anhänger.

Menschen.

Söldner.

Enttäuschte Offiziere.

Fanatiker.

Einige verehrten ihn beinahe religiös.

Sie nannten ihn längst nicht mehr Commander.

Sie nannten ihn:

Fleet Admiral.

Einige sogar:

Gottkaiser.

Tarmak widersprach ihnen nicht.

Sein Ziel war inzwischen größer als jede Wahl.

Er wollte Vulkan angreifen.

Für Tarmak war Vulkan ein Symbol.

Logik.

Kooperation.

IDIC.

Alles, was seiner Ideologie widersprach.

Wenn Vulkan fiel, so glaubte er, würde das Vertrauen in die Föderation zerbrechen.

Danach sollte die Erde ihren Austritt erklären.

Menschliche Kolonien würden folgen.

Und aus den Trümmern sollte eine neue Macht entstehen.

Die Earth Space Federation.

Eine Föderation nur dem Namen nach.

Eine Ordnung unter Führung der Erde.

Und schließlich unter Führung Tarmaks.

Der Plan hätte vielleicht funktioniert.

Doch dann geschah etwas, womit Tarmak nicht gerechnet hatte.

Das Oberkommando der Sternenflotte entzog ihm einen Teil seiner Befugnisse.

Für Tarmak war es eine Demütigung.

Besonders deshalb, weil Captain Tasha Franks maßgeblich dazu beigetragen hatte.

Sie hatte begonnen, seine Entscheidungen zu hinterfragen.

Fehler aufzudecken.

Bereiche, in denen Tarmak längst nicht so kompetent war, wie er es nach außen darstellte.

Anfangs hielt Tasha vieles davon noch für gewöhnliche Fehlentscheidungen.

Doch je genauer sie hinsah, desto stärker wurde ihr Verdacht, dass manche dieser Fehler vielleicht gar keine Fehler gewesen waren.

Tarmak bemerkte, dass sie ihm gefährlich werden konnte.

Dass sie Dinge sah, die niemand sehen sollte.

Und genau in diesem Moment wurde Captain Tasha Franks für ihn zum Feind Nummer eins.

Kurz darauf beantragte Tarmak eine längere Beurlaubung von der Sternenflotte.

Offiziell brauchte er Abstand.

In Wahrheit begann er bereits, seinen nächsten Schritt vorzubereiten – und vielleicht wäre ihm das auch gelungen, wenn Lieutenant Saan Liora nicht neugierig geworden wäre.

Sie war medizinische Offizierin auf Aiya Anusha. Und eigentlich suchte sie nur nach der Ursache für Kopfschmerzen.

Mehrere Techniker klagten über ähnliche Symptome.

Schwindel.

Schlafstörungen.

Kurzfristige Erinnerungslücken.

Saan untersuchte Arbeitsbereiche.

Strahlenwerte.

Neurologische Daten.

Dann entdeckte sie etwas.

Alle Betroffenen hatten regelmäßig in Bereichen gearbeitet, die in Richtung der Subraumzone lagen.

Sie begann eigene Messungen.

Die medizinischen Sensoren registrierten Tachyonenimpulse.

Regelmäßig.

Zu regelmäßig.

Ein natürliches Phänomen hätte chaotisch sein müssen.

Diese Signale besaßen ein Muster.

„Computer“, sagte Saan, „Ursprung triangulieren.“

Ein Signalton.

NICHT MÖGLICH. SUBRAUMINTERFERENZ: 83,7 PROZENT.

„Schätzung.“

Eine Karte erschien.

Ein kleiner Bereich leuchtete rot.

Saan betrachtete ihn.

Dann berührte sie ihren Kommunikator.

„Saan Liora an Captain Franks.“

„Franks hier.“

„Captain Franks … ich glaube, wir haben ein Problem.“

Nach Tarmaks Absetzung übernahm Captain Tasha Franks vorübergehend das Kommando über Aiya Anusha.

Tasha Franks ließ eine modifizierte Sonde starten.

Passive Sensoren.

Minimaler Energieausstoß.

Metaphasische Scanner.

Tachyonendetektoren.

Die Sonde verschwand in der Zone.

Zehn Minuten.

Zwanzig.

Dreißig.

Nichts.

Dann erschienen die ersten Daten.

Verzerrte Bilder.

Gravitationswerte.

Warpfelder.

Schließlich stabilisierte sich das Signal.

Im Kommandozentrum wurde es still.

Ein Dock.

Noch eines.

Eine Station.

Waffenplattformen.

Dann Schiffe.

Dutzende.

Vielleicht mehr.

Tasha trat näher an den Bildschirm.

„Vergrößern.“

Das Bild wechselte.

Einige Schiffe waren offensichtlich ehemalige Sternenflotteneinheiten.

Andere vollkommen neue Konstruktionen.

Zusätzliche Phaserbänke.

Quantentorpedowerfer.

Ablative Panzerung.

Ein Offizier flüsterte:

„Das ist keine Station.“

Tasha sah ihn an.

„Was dann?“

„Eine Werft.“

Saan betrachtete die Energiewerte.

„Eine Werft für eine Armee.“

Dann fing die Sonde eine Kommunikation auf.

Nur einige Sekunden.

Der Inhalt war fragmentiert.

Doch ein Name war deutlich zu hören.

Tarmak.

Tasha schloss kurz die Augen.

„Informieren Sie Starfleet.“

Die ersten Befehle trafen weniger als zwei Stunden später ein.

Captain T’Leya sollte mit der USS Terrania Aiya Anusha sichern.

Captain Umrem Troxi und die USS Persepolis sollten mögliche Fluchtwege blockieren.

Weitere Schiffe waren unterwegs.

Doch Tarmak wusste bereits Bescheid.

Jemand hatte ihn gewarnt.

Der Verräter musste innerhalb der Sternenflotte sitzen.

Vielleicht sogar auf einem der Schiffe, die Aiya Anusha verstärken sollten.

Spätere Untersuchungen führten immer wieder zu demselben Namen.

Julian Brinley.

Ingenieur auf der USS Geunchogo.

Technisch brillant.

Still.

Unauffällig.

Und offenbar seit Jahren Anhänger Tarmaks.

Bevor man ihn festnehmen konnte, begann die Sabotage.

Die USS Geunchogo gehörte zu den ersten Verstärkungsschiffen, die den Rand des Aiya-Anusha-Systems erreichten.

Auf ihrer Brücke ertönte roter Alarm.

„EPS-Abfall auf Deck sieben!“

„Ursache?“

„Unbekannt!“

Eine weitere Konsole blinkte.

„Captain! Die Warpkern-Eindämmung verliert Leistung!“

„Maschinenraum!“

Keine Antwort.

Dann erschien ein feindliches Schiff vor ihnen.

„Torpedoabschuss!“

„Ausweichen!“

Die Geunchogo reagierte viel zu langsam.

Der erste Torpedo traf die Schilde.

Der zweite schlug nahe der Antriebssektion ein.

Die Brücke wurde von einer gewaltigen Explosion erschüttert.

Konsolen detonierten.

„Warpkern?“

„Eindämmung bei achtzehn Prozent und fallend!“

„Notabschaltung einleiten!“

„Keine Reaktion!“

Erst später würde man rekonstruieren, was Julian Brinley getan hatte.

Sicherheitsprotokolle waren deaktiviert worden.

Notfallsysteme gesperrt.

Die automatische Warpkernabstoßung war blockiert.

Die Geunchogo war nicht einfach getroffen worden.

Sie war von innen zum Sterben vorbereitet worden.

„Schiff verlassen!“

Rettungskapseln schossen aus der Hülle.

Sekunden später brach die Eindämmung zusammen.

Die USS Geunchogo explodierte.

Wo eben noch ein Sternenflottenschiff gewesen war, breitete sich eine Wolke aus Plasma und Trümmern aus.

Von Julian Brinley fehlte jede Spur.

Damit war aus Tarmaks Verschwörung endgültig ein offener Krieg geworden.

Was danach geschah, wurde später offiziell als Aiya-Anusha-Krise bezeichnet.

Doch dieser Name war eine Lüge.

Es war Krieg.

Ein Bürgerkrieg.

Tarmaks Anhänger griffen Sternenflotteneinrichtungen an.

Versorgungsschiffe wurden gekapert.

Kolonien erklärten sich für die Earth Space Federation.

Propagandasignale wurden über Subraumrelais verbreitet.

Einige Sternenflottenoffiziere wechselten die Seiten.

Andere starben, weil sie es nicht taten.

Der Konflikt dauerte beinahe ein Jahr.

Und während dieses Jahres fiel immer wieder ein zweiter Name.

Hasad.

Es hatte einmal eine Zeit gegeben, in der Tarmak und Hasad beinahe Brüder gewesen waren.

Hasad war Tarmaks Stellvertreter gewesen.

Seine rechte Hand.

Sein loyalster Verteidiger.

Manche nannten ihn spöttisch:

Tarmaks Bulldogge.

Tarmak war sogar Trauzeuge bei Hasads Hochzeit gewesen.

Doch irgendwann zerbrach ihre Freundschaft.

Niemand wusste genau, warum.

Manche sagten, Hasad habe es sattgehabt, immer die Nummer zwei zu sein.

Andere behaupteten, Tarmak habe begonnen, ihn wie einen Untergebenen zu behandeln.

Vielleicht waren sie einander schlicht zu ähnlich.

Zwei Männer.

Zwei große Egos.

Zwei unterschiedliche Vorstellungen von Macht.

Tarmak wollte nur eines:

Die Erde.

Keine Föderation.

Kein galaktisches Reich.

Keine Expansion.

Für ihn zählte nur die Erde – ihre Interessen, ihre Macht und ihre Zukunft.

Hasad hingegen wollte etwas Größeres.

Ein Imperium.

Ordnung.

Hierarchie.

Eine starke Zentralmacht.

Er bewunderte die großen Reiche der Erdgeschichte, besonders Rom.

Nicht die Republik.

Das Imperium.

Für eine Zeit verfolgten Tarmak und Hasad ähnliche Ziele. Doch ihre Vorstellungen von der Zukunft waren grundverschieden.

Tarmak wollte die Erde über alles stellen.

Hasad wollte über weit mehr als nur die Erde herrschen.

Schließlich wurden aus Verbündeten Rivalen.

Aus Rivalen Gegner.

Und aus Gegnern Feinde.

Dann kontaktierte Hasad Tasha Franks.

Sein Gesicht erschien auf einem verschlüsselten holografischen Kanal.

„Captain Franks.“

Tasha verschränkte die Arme.

„Hasad.“

„Ich kann Ihnen helfen.“

„Warum sollten Sie?“

Hasad lächelte.

„Weil Tarmak und ich keine Freunde mehr sind.“

„Das macht Sie nicht zu meinem Freund.“

„Genau deshalb mag ich Sie.“

Tasha ignorierte die Bemerkung.

„Was wollen Sie?“

Hasad lehnte sich zurück.

„Aiya Anusha.“

Stille.

„Wie bitte?“

„Nach dem Krieg. Das Kommando.“

Tasha starrte ihn an.

Dann sagte sie:

„Nein.“

Hasads Lächeln verschwand.

„Sie haben meine Bedingungen noch nicht gehört.“

„Das musste ich nicht.“

„Ich kann Ihnen seine Stützpunkte geben.“

Tasha schwieg.

„Schiffscodes.“

Keine Reaktion.

„Waffenlager.“

Tasha trat näher an die Projektion.

„Und dafür soll ich Ihnen eine Sternenflottenstation schenken?“

„Ein gutes Wort beim Starfleet Command würde reichen.“

„Nein.“

„Warum?“

Tasha antwortete ohne zu zögern.

„Weil Aiya Anusha die Föderation repräsentiert.“

Hasad hob eine Augenbraue.

„Und?“

„Sie nicht.“

Eine lange Stille entstand.

Dann lachte Hasad leise.

„Jetzt verstehe ich.“

„Was?“

„Warum die Menschen Sie mögen.“

Tasha schnaubte.

„Das tut nicht jeder.“

„Ihre Direktheit.“

Hasad nickte langsam.

„Sie kann ziemlich wehtun.“

„Dann war ich deutlich genug.“

„Sehr.“

Tasha wollte die Verbindung beenden.

„Tasha.“

Sie hielt inne.

„Was?“

Hasad lächelte.

„Wenn wir uns das nächste Mal sehen, könnten die Dinge ganz anders aussehen.“

„Ist das eine Drohung?“

Hasad schüttelte den Kopf.

„Eine Beobachtung.“

Die Verbindung brach ab.

Der Krieg dauerte weiter.

Monat um Monat.

Doch Tarmaks Einfluss begann zu schrumpfen.

Seine Stützpunkte wurden entdeckt.

Schiffe zerstört.

Anhänger festgenommen.

Andere desertierten.

Elf Monate nach Beginn des Konfliktes blieb ihm nur noch eine Möglichkeit.

Aiya Anusha.

Der Ort, an dem alles begonnen hatte.

Sollte die Station fallen, glaubte Tarmak, könnte er den Krieg noch wenden.

Seine verbliebene Armada sprang fast gleichzeitig aus dem Warp.

Mehr als sechzig Schiffe.

Tasha stand im Kommandozentrum.

„Alle Verteidigungsplattformen Feuer frei.“

Der Raum um Aiya Anusha verwandelte sich in ein Inferno.

Phaserstrahlen durchschnitten das Schwarz.

Photonen- und Quantentorpedos detonierten zwischen den Schiffen.

Die Persepolis raste zwischen zwei gegnerischen Kreuzern hindurch.

Umrem Troxis Stimme erklang über den Kanal.

„Persepolis an Franks! Drei Schiffe auf direktem Kurs zur Station!“

„Abfangen!“

„Schon dabei.“

Die Terrania kämpfte ebenfalls.

Captain T’Leya hielt ihr Schiff dicht an der Station und fing jeden Gegner ab, der die Verteidigungslinie durchbrechen wollte.

Ein feindlicher Kreuzer zog direkt vor ihrem Bug vorbei.

„Phaserbänke drei und vier – Feuer!“

Zwei orange Strahlen trafen die gegnerischen Schilde.

„Torpedos bereit.“

„Auf die Waffenphalanx. Feuer.“

Die Torpedos schlugen ein.

Der Kreuzer drehte ab.

Für einen Moment schien die Terrania die Oberhand zu gewinnen.

Dann flackerten auf der Brücke mehrere Konsolen gleichzeitig.

Ein Alarm ertönte.

„Captain! Der sekundäre Computerkern ist ausgefallen!“

T’Leya drehte sich zum Technikoffizier.

„Durch den Treffer?“

„Negativ. Die Ausfälle beginnen in voneinander getrennten Systemen.“

Eine weitere Warnung erschien.

„EPS-Verteiler überlasten auf sechs Decks!“

„Umleiten.“

„Die Befehle werden überschrieben.“

T’Leya erstarrte.

„Sabotage?“

Der Offizier sah auf seine Anzeigen.

„Es sieht danach aus.“

„Von wem?“

„Unbekannt.“

Noch bevor T’Leya antworten konnte, traf ein Quantentorpedo die Backbordseite.

Die Terrania wurde zur Seite gerissen.

„Backbordwarpgondel schwer beschädigt!“

„Hüllenbruch auf Deck neun, elf und zwölf!“

„Mehrere Sektionen verlieren Atmosphäre!“

Tasha sah die Terrania auf dem taktischen Display.

„T’Leya, zieh dich zurück.“

Die Antwort kam sofort.

„Negativ.“

„Dein Schiff fällt auseinander.“

„Dann soll es das später tun.“

„T’Leya—“

„Wir bleiben.“

Tasha schloss kurz die Augen.

Sie wusste, dass jede weitere Diskussion sinnlos war.

„Verstanden.“

Die letzte Phase der Schlacht begann.

Tarmaks Schiffe drängten noch einmal auf die Station zu.

T’Leya hielt sich an der Armlehne ihres Sessels fest.

„Alle verfügbaren Waffen auf den vordersten Kreuzer.“

Die Terrania feuerte.

Phaserstrahlen trafen die gegnerische Hülle.

Dann versagten erneut mehrere Systeme.

„Trägheitsdämpfer verlieren Leistung!“

„Wie stark?“

„Vierzig Prozent … dreißig … zwanzig!“

T’Leya blickte zum Technikoffizier.

„Isolieren Sie die Steuerung!“

„Ich komme nicht hinein!“

Ein weiterer Treffer erschütterte das Schiff.

Für einen Augenblick brachen die Trägheitsdämpfer fast vollständig zusammen.

T’Leya wurde aus ihrem Sitz geschleudert.

Sie prallte mit voller Wucht gegen eine Konsole.

Im selben Moment explodierte ein EPS-Relais neben ihr.

Hitze schlug über die Brücke.

T’Leya fiel zu Boden.

Mehrere Knochen waren gebrochen.

Verbrennungen zeichneten ihre Uniform und ihre Haut.

„Captain!“

Der Erste Offizier kniete neben ihr.

T’Leya öffnete mühsam die Augen.

„Status …“

„Sie müssen sofort auf die Krankenstation.“

„Status.“

Der Offizier zögerte.

„Backbordwarpgondel praktisch zerstört. EPS-Netz kollabiert. Sekundärer Computerkern offline. Strukturelle Integrität fällt weiter.“

T’Leya rang nach Luft.

„Sind die Waffen noch online?“

„Teilweise.“

„Dann feuern.“

Die letzten Torpedos der Terrania verließen die Rohre.

Sie trafen einen Kreuzer, der unmittelbar auf Aiya Anusha zuhielt, und zwangen ihn aus seinem Angriffskurs.

Erst danach verlor T’Leya das Bewusstsein.

Der Erste Offizier übernahm das Kommando und ließ sie auf die Krankenstation bringen.

Die Terrania blieb im Gefecht.

Wer ihre Systeme sabotiert hatte, wusste zu diesem Zeitpunkt niemand.

Auch später ließ sich nicht zweifelsfrei feststellen, ob ein Agent an Bord, ein eingeschleuster Code oder ein Zugriff von außen dafür verantwortlich gewesen war.

Die Frage blieb offen.

Und sie würde die Sternenflotte noch lange beschäftigen.

Stunde um Stunde kämpften sie.

Bis Tarmaks Linie schließlich brach.

Ein Kreuzer kapitulierte.

Dann ein zweiter.

Die Persepolis zerstörte das Führungsschiff der Steuerbordformation.

Weitere Schiffe flohen.

Tarmaks Armada zerfiel.

Sein Traum zerbrach mit ihr.

Auf der Brücke seines Flaggschiffes, der ESS Imperium, wusste Tarmak, dass der Krieg verloren war.

Die Imperium war schwer getroffen.

Mehrere Decks brannten.

Die Lebenserhaltung fiel aus.

Der Warpkern wurde instabil.

Tarmak lag zwischen Trümmern auf dem Boden seiner Brücke.

Um ihn herum tote und verletzte Offiziere.

Der Hauptschirm flackerte.

Aiya Anusha war in der Ferne zu erkennen.

Noch immer da.

Noch immer unter Kontrolle der Föderation.

Tarmak hatte verloren.

Alles.

Seine Flotte.

Seine Bewegung.

Seinen Krieg.

Eine Computerstimme ertönte.

WARPKERNBRUCH IN VIER MINUTEN.

Tarmak versuchte aufzustehen.

Seine Beine gaben nach.

Er fiel zurück.

Vielleicht war es besser so.

Keine Gefängniszelle.

Kein Prozess.

Keine Demütigung.

Er schloss die Augen.

WARPKERNBRUCH IN DREI MINUTEN.

Dann ertönte ein Signal.

Unbekannt.

Tarmak öffnete die Augen.

Ein Schiff erschien auf dem beschädigten Hauptschirm.

Nicht die Persepolis.

Nicht die Terrania.

Kein bekanntes Sternenflottendesign.

Dunkle Panzerung.

Fremde Energiesignatur.

Keine Kennung.

„Identifizieren …“

Der Computer reagierte kaum noch.

Dann erschien ein Gesicht.

Tarmak erstarrte.

„Hasad.“

Sein alter Freund.

Sein Rivale.

Sein Feind.

Hasad sagte nichts.

Tarmaks Sicht verschwamm.

„Nein …“

Dann erschien blaues Transporterlicht.

Und die Brücke der ESS Imperium verschwand.

Drei Sekunden später explodierte Tarmaks Flaggschiff.

Die ESS Imperium wurde zu einer expandierenden Kugel aus Plasma und Metall.

Von dem Schiff blieb kaum mehr als ein Trümmerfeld.

Für die Sternenflotte sah es so aus, als hätte niemand überlebt.

Genau so sollte es aussehen.

Doch Tarmak war nicht an Bord gewesen, als die Imperium endgültig zerbrach.

Nur Sekunden vor der Explosion hatte Hasads Schiff ihn aus dem Wrack gebeamt.

Tarmak selbst hatte davon nichts mitbekommen.

Für ihn war zwischen dem Moment, in dem alles dunkel geworden war, und dem Augenblick, in dem er wieder die Augen öffnete, kaum Zeit vergangen.

Vielleicht einige Sekunden.

Vielleicht eine Minute.

In Wirklichkeit waren zwei Tage vergangen.

Zwei Tage, in denen er bewusstlos auf Hasads Schiff gelegen hatte.

Zwei Tage, in denen sich dieses Schiff weiter von Aiya Anusha entfernt hatte, als es mit konventionellem Warpflug eigentlich möglich gewesen wäre.

Als Tarmak schließlich wieder klar denken konnte, setzte er sich langsam auf.

Sein Körper schmerzte.

Seine Erinnerungen waren verschwommen.

Die Schlacht.

Die Imperium.

Das Feuer.

Dann Dunkelheit.

Er blickte auf eine Navigationsanzeige an der Wand.

Seine Augen wurden größer.

„Delta-Quadrant.“

Hasad nickte.

Tarmak sah erneut auf die Anzeige.

Dann wieder zu Hasad.

„Das ist unmöglich.“

„Offenbar nicht.“

„Vor zwei Tagen war ich noch bei Aiya Anusha.“

„Richtig.“

Tarmak starrte auf die Koordinaten.

Zehntausende Lichtjahre.

Eine Entfernung, für die ein gewöhnliches Sternenflottenschiff Jahre gebraucht hätte.

Vielleicht Jahrzehnte.

Und Hasad hatte sie in zwei Tagen überwunden.

„Wie?“

Hasad lächelte nur.

„Ich habe einen Weg gefunden.“

„Was für einen Weg?“

„Einen, von dem die Sternenflotte nichts weiß.“

Tarmak schwieg.

Hasad trat näher.

„Die Besatzung der Voyager hätte wahrscheinlich einen Krieg darum geführt, diese Möglichkeit zu besitzen.“

Tarmak sah ihn scharf an.

Hasad lächelte.

„Sie brauchten Jahre für ihre Heimreise.“

Er deutete auf die Navigationsanzeige.

„Wir brauchen Tage.“

Tarmaks Blick wurde kalt.

„Du hast eine neue Antriebstechnologie.“

„Nicht ganz.“

„Ein Wurmloch?“

„Nein.“

„Transwarp?“

Hasad antwortete nicht.

Und genau das war Antwort genug.

Tarmak betrachtete erneut die Koordinaten.

Dort war noch etwas.

Ein Planet.

„Burgos.“

Hasad nickte.

„Unsere neue Heimat.“

Tarmak sah ihn überrascht an.

„Unsere?“

„Vorläufig.“

Hasad ging zum Fenster.

Vor ihnen lag bereits ein rötlicher Planet.

Burgos.

Eine Welt tief im Delta-Quadranten.

Zehntausende Lichtjahre vom Raum der Föderation entfernt.

Keine Föderationswelt.

Keine Sternenflottenbasis.

Keine regulären Patrouillen.

Hier endete nicht die Macht der Föderation.

Sie hatte hier nie begonnen.

Der Planet war vor langer Zeit entdeckt worden.

Doch seine schwierigen Umweltbedingungen, instabilen Wetterzonen und geologischen Probleme hatten dafür gesorgt, dass frühere Siedlungsversuche aufgegeben worden waren.

Burgos galt als uninteressant.

Unwirtschaftlich.

Zu gefährlich.

Und vor allem:

zu weit entfernt.

Genau deshalb hatte Hasad ihn ausgewählt.

„Ich habe diesen Ort vor Jahren gefunden“, sagte Hasad.

„Niemand wollte ihn.“

Eine kurze Pause.

„Also habe ich ihn genommen.“

Tarmak blickte auf den Planeten.

„Was hast du dort aufgebaut?“

Hasad lächelte.

„Genug.“

Er trat näher an das Fenster.

„Burgos liegt mitten im Delta-Quadranten. Die Föderation hat hier keine Macht. Keine Sternenflottenstationen. Keine Admiräle. Keine Geheimdienste, die uns ständig beobachten.“

Tarmak sah ihn an.

„Und selbst wenn sie herausfinden würden, dass wir hier sind …“

Hasad nickte.

„Dann müssten sie erst einmal hierherkommen.“

Eine kurze Pause.

„Wir hingegen können jederzeit zu ihnen.“

Tarmak schwieg.

Dieser Satz veränderte alles.

Hasad hatte nicht einfach einen abgelegenen Planeten gefunden.

Er hatte einen Weg gefunden, die größte Schwäche dieser Entfernung zu beseitigen.

Burgos war weit genug entfernt, um sicher zu sein.

Und für Hasad gleichzeitig nah genug, um jederzeit zurückkehren zu können.

Das Schiff fiel aus seinem seltsamen Reisemodus.

Die Sterne wurden wieder zu einzelnen Lichtpunkten.

Burgos füllte nun einen großen Teil des Sichtfensters.

Tarmak erkannte Lichter auf der dunklen Seite des Planeten.

Siedlungen.

Anlagen.

Energiequellen.

Hasad hatte nicht einfach nur ein Versteck gefunden.

Er hatte hier etwas aufgebaut.

Tarmak betrachtete den Planeten schweigend.

Zehntausende Lichtjahre von der Erde entfernt.

Ein Ort außerhalb jeder realistischen Reichweite der Föderation.

Ein Ort, an dem niemand nach Tarmak suchen würde.

Denn für die Föderation war er tot.

Noch wusste Tarmak nicht genau, wie Hasad ihn gerettet hatte.

Noch weniger verstand er, wie dieses Schiff innerhalb von zwei Tagen den Delta-Quadranten erreicht hatte.

Aber eines verstand er bereits.

Hasad verfügte über etwas, das selbst die Voyager-Besatzung für unmöglich gehalten hätte.

Eine Möglichkeit, die Distanz zwischen den Quadranten beinahe bedeutungslos zu machen.

Dann fragte er:

„Was willst du von mir?“

Hasad blieb vor seinem Bett stehen.

„Heute?“

Eine kurze Pause.

„Nichts.“

Tarmak blickte wieder nach draußen.

„Und morgen?“

Hasad lächelte.

„Morgen zeige ich dir Burgos.“

Er blickte zu den acht Gestalten mit den STA-Abzeichen.

„Und dann reden wir darüber, wie zwei Männer, die einander hassen, trotzdem gemeinsame Feinde haben können.“

Hasads Schiff begann mit dem Sinkflug.

Unter ihnen wurde die Oberfläche von Burgos sichtbar.

Felsen.

Staub.

Verlassene Anlagen aus einer früheren Zeit.

Und dazwischen neue Strukturen.

Gebäude.

Hangars.

Antennen.

Verteidigungsanlagen.

Etwas war hier entstanden.

Still.

Unbemerkt.

Tief im Delta-Quadranten.

Dort, wo die Föderation keine Augen hatte.

Dort, wo Tarmak offiziell nicht mehr existierte.

Dort, wo Hasad und seine Verbündeten bereits begonnen hatten, ihre Zukunft aufzubauen.

Etwas, das eines Tages weit über Burgos hinausreichen sollte.

Etwas, das schon bald einen neuen Namen bekommen würde.

Eine neue Organisation.

Eine neue Bedrohung.

Und irgendwann würde ihr Signal den gesamten Weg vom Delta-Quadranten zurück nach Aiya Anusha finden.

Drei Buchstaben.

STA.

FORTSETZUNG FOLGT …

TEIL 3

SCHATTEN ÜBER DEM FRIEDEN

PERSÖNLICHES LOGBUCH

Persönliches Logbuch, Captain Umrem Troxi. Missionstag 79.

Das Neralis-System liegt sechseinhalb Lichtjahre von Aiya Anusha entfernt. Auf einer Sternenkarte sieht das nach nichts aus — ein kleiner Abstand, ein paar Lichtjahre zwischen zwei Punkten. Nach fast drei Monaten Patrouillenflügen, Sicherheitsanalysen, Grenzvermessungen, Verhandlungen mit lokalen Behörden und zwei ungeplanten Rettungseinsätzen fühlt es sich allerdings wesentlich weiter an.

Die Sicherheitsparameter für die bevorstehende diplomatische Mission wurden eingerichtet.

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LOGBUCH – FORTSETZUNG

Langstreckensensoren arbeiten innerhalb der vorgesehenen Toleranzen. Die bekannten Flugkorridore wurden überprüft. Siebenundzwanzig nicht registrierte Subraumphänomene wurden katalogisiert — drei davon haben sich als natürliche Erscheinungen erwiesen, vierundzwanzig weitere als völlig harmlos. Was bedeutet, dass wir beinahe drei Monate damit verbracht haben, sehr gründlich herauszufinden, dass dort draußen größtenteils nichts ist. Ich nehme an, das nennt man erfolgreiche Sicherheitsarbeit.

Die USS Persepolis setzt Kurs auf Aiya Anusha. Flugzeit bei aktueller Geschwindigkeit: neun Stunden, siebenundvierzig Minuten. Ich hätte niemals gedacht, dass mir eine Raumstation einmal wie Heimat vorkommen würde. Aber im Moment kann ich es kaum erwarten, sie wiederzusehen.

Logbuch Ende.

Captain Umrem Troxi war müde. Nicht jene Müdigkeit, die man mit einer Tasse Raktajino und acht Stunden Schlaf beseitigte, sondern jene, die entstand, wenn man neunundsiebzig Tage lang Entscheidungen getroffen hatte. Jeden Tag. Manche klein, manche bedeutungslos, manche mit Konsequenzen, die man erst Wochen später verstand.

Die Mission im Neralis-System war erfolgreich gewesen — zumindest stand das im offiziellen Bericht. Umrem hatte gelernt, dass das Wort erfolgreich bei der Sternenflotte erstaunlich viel verbergen konnte. Es bedeutete nicht, dass nichts passiert war. Es bedeutete meistens nur: Alle wichtigen Leute waren noch am Leben, das Schiff konnte aus eigener Kraft nach Hause fliegen, und niemand hatte versehentlich einen interstellaren Krieg ausgelöst. Gemessen daran war die Mission tatsächlich ausgesprochen erfolgreich gewesen.

Umrem saß im Bereitschaftsraum der Persepolis und blickte durch das Fenster. Die Sterne zogen in langen Lichtbahnen am Schiff vorbei.

„Brücke an Captain Troxi.“

Er berührte seinen Kommunikator. „Troxi hier.“

„Achtundzwanzig Minuten bis Aiya Anusha.“

Umrem lehnte sich zurück. „Verstanden.“

Eine kurze Pause. „Captain?“

„Ja?“

„Willkommen zu Hause.“

Umrem lächelte. „Danke.“

Achtundzwanzig Minuten später fiel die USS Persepolis aus dem Warp. Vor ihr erschien Aiya Anusha — die gewaltige Raumstation schwebte vor dem dunklen Hintergrund des Alls. Rund um ihre zentralen Sektionen bewegten sich Dutzende kleinere Schiffe: Frachter, Shuttles, Wissenschaftsschiffe. Zwei Sternenflottenkreuzer lagen an den äußeren Andockarmen. Über einer beschädigten Sektion arbeiteten noch immer Reparaturdrohnen — auch Monate nach der großen Schlacht waren einige Narben nicht verschwunden.

Umrem stand auf der Brücke. „Geschwindigkeit auf ein Viertel Impuls.“

„Ein Viertel Impuls.“

„Aiya Anusha ruft uns.“

Umrem musste nicht fragen, wer es war. „Auf den Schirm.“

Tasha Franks erschien.

„Captain Troxi.“

Umrem richtete sich demonstrativ auf. „Admiral Franks.“

Tasha betrachtete ihn. „Du siehst schrecklich aus.“

Umrem blinzelte. „Es freut mich auch, dich zu sehen.“

„Ich dachte, Captains sollen nach einer erfolgreichen Mission triumphierend zurückkehren.“

„Ich bin neunundsiebzig Tage älter geworden.“

„In neunundsiebzig Tagen? Beeindruckend.“

Umrem schüttelte den Kopf. „Erlaubnis zum Andocken?“

Tasha lächelte. „Erteilt.“ Dann wurde ihr Blick wärmer. „Willkommen zu Hause, Umrem.“

Diesmal antwortete er ohne Humor. „Danke.“

FÜNF WOCHEN VOR DEN VERHANDLUNGEN

Sein erster Weg führte nicht ins Kommandozentrum. Nicht zu Tasha, nicht zur Admiralität, und auch nicht zur technischen Abteilung. Umrem ging in sein Quartier.

Die Tür öffnete sich. Nichts hatte sich verändert: ein Regal, ein kleiner Arbeitstisch, ein Modell der Persepolis, ein paar persönliche Gegenstände, das große Fenster mit Blick auf einen der inneren Andockbereiche.

Umrem blieb einen Moment stehen. Dann ließ er seine Tasche einfach auf den Boden fallen.

„Computer.“

Ein Signalton.

„Beleuchtung zwanzig Prozent.“

Das Licht wurde gedimmt.

„Temperatur zwei Grad erhöhen.“

BESTÄTIGT.

Sein Blick fiel auf das Bett. Er lächelte. „Du hast mir gefehlt.“

Der Computer antwortete nicht.

„Das war auch nicht für dich.“

Das Bett auf der Persepolis war vollkommen ausreichend. Aber dieses Bett war auf seine biometrischen Schlafparameter abgestimmt: Härtegrad, Temperatur, Kissenhöhe — sogar die minimale Neigung war gespeichert. Kleine Dinge, unbedeutende Dinge. Aber manchmal waren genau diese Dinge der Unterschied zwischen einem Ort, an dem man schlief, und einem Ort, den man Heimat nannte.

Umrem legte sich hin. „Computer. Für die nächsten sechs Stunden keine Kommunikation.“

BESTÄTIGT.

„Ausnahme Admiral Franks. Medizinische Notfälle. Priorität Eins.“

BESTÄTIGT.

Er schloss die Augen, dann öffnete er sie noch einmal. „Und wenn irgendjemand aus der Verwaltung fragt, ob ich bereits die Einsatzberichte unterschrieben habe: Ich bin tot.“

ANWEISUNG UNKLAR.

Umrem seufzte. „Vergiss es.“

Siebenunddreißig Sekunden später schlief er.

Er wachte neun Stunden später auf. Nicht sechs. Auf dem Nachttisch blinkte eine Nachricht.

ADMIRAL FRANKS: Ich habe deine Kommunikationssperre um drei Stunden verlängert.

Du hast es gebraucht.

Jetzt aufstehen. Besprechung um 10:00.

Umrem sah auf die Uhr. 09:41.

„Natürlich.“

Die erste Woche nach seiner Rückkehr war eine merkwürdige Mischung aus Urlaub und Arbeit. Offiziell hatte Umrem vier Tage dienstfrei. In der Praxis hielt er es zwölf Stunden aus. Danach stand er wieder auf der Persepolis.

Das Schiff benötigte mehr Aufmerksamkeit, als er erwartet hatte. Fast drei Monate außerhalb eines großen Sternenflottenstützpunkts hatten Spuren hinterlassen: Die Backbordwarpspule zeigte minimale Abweichungen, zwei Trägheitsdämpfer mussten neu kalibriert werden, und die Sensorphalanx hatte während der letzten Mission mehrmals mit erhöhtem Energiebedarf gearbeitet. Nichts davon war gefährlich. Aber Umrem kannte sein Schiff. Die Persepolis war mehr als eine taktische Einheit — sie war sein Kommando, seine Verantwortung.

Er ging persönlich durch die technischen Bereiche.

„Captain.“ Eine Technikerin kam ihm entgegen. „Sie haben Urlaub.“

„Ich sehe mich nur um.“

„Seit zwei Stunden.“

„Sehr gründlich.“

Sie hielt ihm ein PADD entgegen. „Maschinenraum hat eine Liste erstellt.“

Umrem nahm es, dann scrollte er. Und scrollte. Und scrollte.

„Das ist keine Liste.“

„Nein?“

„Das ist ein Hilferuf.“

Die Technikerin grinste. „Drei Wochen.“

„Zwei.“

„Drei.“

„Zweieinhalb.“

„Captain, mit allem Respekt—“

„Zweieinhalb.“

Sie überlegte. „Wenn Sie nicht jeden Tag hier auftauchen.“

Umrem reichte ihr das PADD zurück. „Drei Wochen.“

Die Persepolis blieb deshalb in Aiya Anusha. Ein Teil der Crew erhielt Landurlaub, andere wurden temporär auf der Station eingesetzt. Für Umrem war es ideal: Während sein Schiff gewartet wurde, konnte er seine zweite Aufgabe wieder vollständig übernehmen — Erster Offizier von Aiya Anusha.

Die Position war ungewöhnlich. Captain eines Sternenflottenschiffes und gleichzeitig Erster Offizier einer der wichtigsten Stationen der Region. Während seiner Abwesenheit hatte Umrem vieles aus der Ferne erledigt: Dienstpläne, Personalentscheidungen, Versorgungsanträge, Sicherheitsberichte, Freigaben. Doch nach drei Monaten merkte er schnell, wie viel man auf einem Bildschirm nicht sah — ein junger Offizier, der ständig länger arbeitete als vorgesehen; eine Technikerin, die eigentlich Urlaub brauchte; ein Sicherheitsbereich, dessen neue Zugangskontrolle im Alltag mehr Probleme verursachte, als sie löste; eine replizierte Kaffeesorte, die laut mindestens zwölf Beschwerden „gegen die Existenzrechte verstieß“.

Aiya Anusha bestand nicht aus Deckplänen. Sie bestand aus Menschen und Vulkaniern, Andorianern, Tellariten und Dutzenden anderen Spezies — Familien, Technikern, Wissenschaftlern, Diplomaten, Händlern. Man musste durch die Station gehen, um zu verstehen, wie es ihr wirklich ging. Also tat Umrem genau das.

VIER WOCHEN VOR DEN VERHANDLUNGEN

Am sechsten Tag saß Umrem mit Tasha in einem kleinen Restaurant auf der Promenade. Keine Galauniformen, keine Sicherheitsbesprechung, keine Admiräle — nur zwei Offiziere mit Essen vor sich.

Tasha betrachtete ihn. „Du siehst besser aus.“

„Danke.“

„Noch immer müde.“

„Danke.“

„Aber besser.“

Umrem nahm einen Schluck. „Ich fühle mich auch besser.“

Für einige Sekunden sagten beide nichts. Auf der Promenade gingen Menschen vorbei: ein andorianisches Paar diskutierte vor einem Geschäft, zwei Sternenflottenkadetten lachten über irgendetwas, ein bolianischer Händler versuchte lautstark, einem Vulkanier ein Kunstwerk zu verkaufen. Der Vulkanier schien davon vollkommen unbeeindruckt.

Umrem sah ihnen nach. „Das hat mir gefehlt.“

Tasha nickte. „Mir auch.“

„Du warst gar nicht weg.“

„Nach dem Krieg war die Station lange nicht mehr so.“

Umrem verstand. Aiya Anusha hatte funktioniert, aber funktionieren war nicht dasselbe wie leben. Jetzt begann sie wieder zu leben.

Dann schob Tasha ein PADD über den Tisch.

Umrem sah es an. „Nein.“

„Du weißt noch gar nicht, was es ist.“

„Du schiebst mir beim Essen ein PADD hin. Es kann nichts Gutes sein.“

„Personalangelegenheit.“

Umrem öffnete die Datei. OFFENE POSITION: YEOMAN DES ADMIRALS.

Er sah Tasha an. „Immer noch?“

„Immer noch.“

„Wie viele Bewerbungen?“

„Acht.“

„Das ist doch gut.“

„Ich habe sechs abgelehnt.“

„Warum?“

„Einer wollte nur auf die Station, weil seine Partnerin hier arbeitet.“

„Verständlich.“

„Einer hielt Yeoman für einen diplomatischen Rang.“

Umrem verzog das Gesicht. „Weniger verständlich.“

„Und eine Bewerberin hat in ihrer Bewerbung dreimal meinen Namen falsch geschrieben.“

Umrem hob eine Augenbraue. „Franks?“

„Einmal Banks. Einmal Franksen. Und einmal Admiral Tasha Frank.“

Umrem versuchte ernst zu bleiben. Es gelang ihm nicht.

Tasha zeigte mit dem Finger auf ihn. „Lach nicht.“

„Ich lache nicht.“

„Du lachst.“

„Nur innerlich.“

„Du interviewst die letzten beiden.“

Umrem legte das PADD weg. „Natürlich.“

Die Gespräche fanden zwei Tage später statt. Der erste Kandidat war fachlich ausgezeichnet — pünktlich, organisiert, effizient, und vollkommen unfähig, Humor zu erkennen.

Umrem stellte ihm eine hypothetische Situation. „Admiral Franks hat drei diplomatische Besprechungen gleichzeitig, zwei Admiräle wollen sie dringend sprechen, und die Stationsküche meldet, dass für den Empfang am Abend keine tulaberrischen Früchte geliefert wurden. Was tun Sie?“

Der Kandidat dachte nach. „Priorisierung nach Sternenflottenprotokoll 14-C.“

„Und wenn Admiral Franks Ihnen sagt, dass ihr die Früchte wichtiger sind als die Admiräle?“

„Dann würde ich sie darauf hinweisen, dass ihre Priorisierung objektiv fehlerhaft ist.“

Umrem schrieb etwas auf sein PADD. Der Kandidat versuchte, es zu lesen. „Was haben Sie geschrieben?“

„Mutig.“

Die zweite Bewerberin war eine junge trillische Unteroffizierin namens Sela Varen. Sie setzte sich. Umrem stellte dieselbe Frage.

Sela dachte zwei Sekunden nach. „Ich verschiebe einen Admiral.“

„Und den anderen?“

„Den gebe ich an Sie weiter.“

Umrem hob die Augenbrauen. „Warum an mich?“

„Sie sind der Erste Offizier.“

„Und die Früchte?“

„Ich finde heraus, welches Schiff im Sektor welche transportiert, organisiere einen Austausch und sage Admiral Franks erst danach, dass es überhaupt ein Problem gab.“

Umrem betrachtete sie. „Sie sind gefährlich.“

„Danke, Captain.“

„Das war nicht unbedingt ein Kompliment.“

„Ich nehme es trotzdem.“

Am selben Nachmittag legte Umrem ihre Bewerbung auf Tashas Schreibtisch. „Die.“

Tasha sah auf den Namen. „Sicher?“

„Absolut.“

„Warum?“

„Sie wird dein Leben organisieren.“ Eine Pause. „Und wahrscheinlich irgendwann auch meines.“

Zwei Tage später zog Sela Varen ihre Bewerbung zurück. Die USS Tanaris hatte ihr eine Stelle als Operationsoffizierin angeboten — mit Beförderung, eigener Schicht und einer Karriere, die nicht darin bestand, fremde Terminkalender zu retten. Niemand konnte ihr das vorwerfen. Umrem am wenigsten.

Er brachte Tasha die Nachricht persönlich. Sie las sie zweimal. „Sie war die Beste.“

„Ja.“

„Und der andere?“

„Der andere hätte dir erklärt, dass deine Prioritäten objektiv fehlerhaft sind.“

Tasha legte das PADD weg. „Dann bleibt die Stelle offen.“

„Es kommen neue Bewerbungen.“

„Wann?“

Umrem zögerte. „Irgendwann.“

Tasha sah auf den Stapel ungelesener Meldungen neben ihrem Terminal. „Großartig.“

Die Position blieb unbesetzt. Es war eine dieser Entscheidungen, die im Moment vollkommen unbedeutend wirkten — eine offene Zeile in einem Personalplan, eine Verwaltungsangelegenheit unter hunderten. Erst Wochen später würde Umrem darüber nachdenken, wie viel eine einzige zusätzliche Person auf einer Station hätte sehen können, auf der plötzlich zweihundert fremde Gesichter unterwegs waren.

Während auf der Station Alltag einkehrte, liefen die diplomatischen Vorbereitungen weiter. Die Nerathi und die Valqari standen seit fast vierzig Jahren am Rand eines Krieges. Ihre Welten lagen nur 4,8 Lichtjahre voneinander entfernt — zu nah, um einander zu ignorieren, zu weit auseinander, um sich wirklich zu verstehen.

Zwischen ihren Territorien lagen sieben unbewohnte Systeme. Drei davon wurden von beiden beansprucht: Eines enthielt große Vorkommen von Duranium, ein anderes verfügte über einen natürlichen Subraumkorridor, der Handelsrouten um fast sechs Tage verkürzen konnte. Was ursprünglich als Grenzstreit begonnen hatte, war über Generationen zu etwas Persönlichem geworden. Schulbücher erzählten unterschiedliche Versionen derselben Ereignisse; jede Seite hatte ihre eigenen Helden, ihre eigenen Opfer, ihre eigenen Gräueltaten, ihre eigene Wahrheit.

Die Föderation hatte siebzehn Vermittlungsversuche unternommen. Sechzehn waren gescheitert. Nun kam Versuch Nummer siebzehn. Aiya Anusha sollte neutraler Boden sein.

DREI WOCHEN VOR DEN VERHANDLUNGEN

Die Vorbereitung begann nicht mit Waffen. Sie begann mit Licht.

Tasha und Umrem standen im großen diplomatischen Saal.

„Zweiundfünfzig Prozent“, sagte der Techniker.

Tasha sah zu Umrem. Umrem sah zum Licht. „Zu hell.“

„Für Menschen nicht.“

„Wir verhandeln nicht nur mit Menschen.“

Die Nerathi hatten sich auf einer Welt entwickelt, die einen vergleichsweise lichtschwachen Stern umkreiste. Ihre Augen reagierten empfindlich auf starke Beleuchtung, doch aus der biologischen Anpassung war über Jahrtausende eine kulturelle Tradition entstanden: Helles Licht bedeutete Offenheit. Aber zu helles Licht während einer Verhandlung bedeutete Herausforderung — fast wie die Aufforderung: Zeig mir, was du verbirgst. Gedämpftes Licht dagegen bedeutete Vertrauen. Vierundvierzig bis achtundvierzig Prozent galten als ideal.

Umrem deutete nach oben. „Siebenundvierzig.“

Der Techniker änderte die Einstellung.

Tasha sah sich um. „Für Menschen etwas dunkel.“

„Wir überleben es.“

„Picobello?“

Umrem drehte sich zu ihr. „Du wirst dieses Wort jetzt ständig benutzen, oder?“

„Definitiv.“

Die Valqari waren komplizierter. Nicht wegen des Lichts — wegen der Hände. Bei einer formellen Begrüßung streckte ein Valqari seine Hand aus, aber der andere durfte sie nicht sofort nehmen. Drei Sekunden mussten vergehen. Die offene Hand symbolisierte: Ich könnte eine Waffe tragen. Ich tue es nicht. Das Warten symbolisierte: Ich sehe deine Absicht und entscheide mich bewusst, dir zu vertrauen. Zu frühes Zugreifen galt als Ungeduld, zu spätes als Ablehnung.

Tasha betrachtete die Aufzeichnung. „Also drei Sekunden.“

„Genau.“

„Nicht zwei.“

„Nein.“

„Nicht vier.“

„Vier wäre schon unangenehm.“

„Und fünf?“

Umrem sah sie an. „Dann können wir vermutlich schon einmal die Persepolis alarmieren.“

Tasha lachte.

In den folgenden Tagen übte das diplomatische Personal Begrüßungen, Sitzordnungen, Essensrituale, Farben, Symbole, Musik — sogar die Raumtemperatur. Umrem beobachtete eine Probe. Ein Sternenflottenoffizier streckte die Hand aus, ein anderer spielte einen Valqari.

„Eins.“ „Zwei.“ „Drei.“ Händedruck.

Umrem nickte. „Noch einmal.“

Der Offizier seufzte. „Captain, das war perfekt.“

„Noch einmal.“

„Warum?“

„Weil du bei einem echten Außenminister nicht ‚eins, zwei, drei‘ sagen darfst.“

Währenddessen kehrte auch die Persepolis langsam in den aktiven Dienst zurück. Die Arbeiten hatten länger gedauert als geplant. Am achtzehnten Tag nach ihrer Rückkehr besuchte Umrem den Maschinenraum.

„Status?“

Die Chefingenieurin reichte ihm ein PADD. „Warpspulen innerhalb der Norm.“

„Trägheitsdämpfer?“

„Kalibriert.“

„Sensoren?“

„Neue Subraumfilter installiert.“

Umrem scrollte weiter. „Waffensysteme?“

Sie sah ihn an. „Sie fahren zu Friedensverhandlungen.“

„Deshalb frage ich.“

„Phaser hundert Prozent. Quantentorpedos vollständig geladen.“

Umrem gab ihr das PADD zurück. „Gut.“

„Sie erwarten Ärger.“

Umrem schwieg einen Moment. „Ich erwarte, dass wir vorbereitet sind.“

ZWEI WOCHEN VOR DEN VERHANDLUNGEN

In dieser Nacht konnte Umrem nicht schlafen. Er stand am Fenster seines Quartiers. Die Station war gedimmt; unter ihm bewegten sich die Lichter der Shuttles entlang der Andockarme. Auf einem entfernten Pylon lag die Persepolis — bereit, repariert, wieder vollständig einsatzfähig.

Doch etwas störte ihn. Nicht etwas Konkretes. Ein Gefühl. Vielleicht Erfahrung. Vielleicht Erschöpfung. Vielleicht Tarmak.

Er setzte sich an seinen Schreibtisch. „Computer. Sicherheitsberichte der vergangenen vierzehn Tage.“

Dutzende Dateien erschienen. Nichts Auffälliges.

„Ungewöhnliche Transporteraktivitäten.“

Drei Meldungen. Alle erklärt.

„Nicht registrierte Kommunikationssignale.“

Elf Meldungen. Zehn waren Händler. Die elfte dauerte nur 0,7 Sekunden.

Umrem öffnete sie. Ein verschlüsselter Subraumimpuls. Ursprung unbekannt. Ziel unbekannt. Zu kurz für eine vollständige Analyse.

Er betrachtete die Daten, dann speicherte er sie in einer separaten Datei. Vielleicht nichts. Vielleicht etwas. Er hatte in seinem Leben gelernt, dass Katastrophen selten mit einem großen roten Warnlicht begannen. Manchmal begannen sie mit 0,7 Sekunden Datenrauschen.

Am nächsten Morgen saß Tasha allein in ihrem Büro und sortierte ihren eigenen Tagesplan. Zweiundzwanzig Termine. Sie strich vier davon, verschob zwei und wusste bereits, dass mindestens drei der verbliebenen sechzehn ohnehin länger dauern würden als vorgesehen.

Es war nicht die Arbeit, die sie störte. Es war die Art von Arbeit: Bestätigungen, Terminverschiebungen, Rückfragen zu Rückfragen — Dinge, für die es eine Position gab, die seit vier Monaten leer stand.

Sie berührte ihren Kommunikator. „Franks an Troxi. Wo bist du?“

„Sicherheitszentrale.“

Tasha schloss kurz die Augen. „Natürlich.“

Eine Stunde später fand sie ihn dort. Auf dem Bildschirm leuchtete die kurze Subraumübertragung.

„Das kann alles sein“, sagte Tasha.

„Ja.“

„Ein defektes Relais.“

„Ja.“

„Ein Schmuggler.“

„Ja.“

„Ein privater Kommunikationskanal.“

„Ja.“

Tasha verschränkte die Arme. „Aber du glaubst nicht daran.“

Umrem sah auf das Signal. „Ich weiß es nicht.“

Auf einem zweiten Display erschienen drei Buchstaben: STA.

Tasha wurde still. Umrem bemerkte ihren Blick. „Nein.“

„Was?“

„Genau das meine ich.“ Er deaktivierte das Symbol. „Tarmak darf nicht jedes unbekannte Signal in unserem Leben werden.“

Tasha sah ihn an. „Wir wissen, dass er wahrscheinlich lebt.“

„Ja.“

„Wir wissen, dass STA existiert.“

„Ja.“

„Und wir wissen fast nichts über sie.“

„Eben.“

Umrem trat näher. „Wir müssen Tarmak ernst nehmen. Ich würde niemals behaupten, dass er harmlos ist.“ Er zeigte auf ihren Kopf. „Aber wir dürfen ihm nicht erlauben, ständig hier zu wohnen.“

Tasha verstand. „Wachsamkeit.“

„Ja.“

„Keine Besessenheit.“

„Genau.“

Sie deaktivierte den Bildschirm. „Gut.“ Dann ging sie zur Tür. „Übrigens.“

Umrem sah sie an. „Was?“

„Ich hatte heute zweiundzwanzig Termine.“

„Ich weiß.“

„Ich habe sie selbst sortiert.“

„Ich weiß.“

„Such mir einen Yeoman, Umrem.“

Umrem grinste. „Ich arbeite daran.“

„Das hast du vor zwei Wochen auch gesagt.“

„Und es war damals genauso wahr.“

EINE WOCHE VOR DEN VERHANDLUNGEN

Die ersten Delegationen trafen ein — nicht die Außenminister, noch nicht, sondern Botschafter, Berater, Protokolloffiziere, Sicherheitsteams, Übersetzer, wissenschaftliche Experten. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden befanden sich fast zweihundert zusätzliche Personen auf der Station.

Aiya Anusha veränderte sich. Sicherheitsbarrieren wurden eingerichtet. Bestimmte Korridore waren nur noch mit biometrischer Freigabe zugänglich. Transporter konnten im diplomatischen Sektor ausschließlich von der Sicherheitszentrale aktiviert werden. Die Persepolis begann ständige Sensorpatrouillen rund um die Station, während zwei weitere Sternenflottenschiffe die äußeren Systemgrenzen überwachten.

Umrem schlief wieder weniger. Tasha bemerkte es.

„Du solltest dich ausruhen.“

„Das hast du vor fünf Wochen auch gesagt.“

„Damals hast du auf mich gehört.“

„Damals war ich neunundsiebzig Tage unterwegs.“

„Und jetzt?“

„Jetzt organisieren wir Friedensverhandlungen zwischen zwei Spezies, die seit vierzig Jahren darüber diskutieren, wem drei unbewohnte Sonnensysteme gehören.“

Tasha dachte darüber nach. „Guter Punkt.“

Die ersten Gespräche verliefen überraschend gut. Die Nerathi betraten den Verhandlungssaal. Beleuchtung: siebenundvierzig Prozent. Perfekt. Die Valqari begrüßten die Föderationsdelegation. Drei Sekunden. Händedruck. Perfekt. Keine kulturellen Zwischenfälle, keine Sicherheitsprobleme, keine Streitigkeiten außerhalb des Verhandlungssaals.

Am dritten Tag geschah etwas, das niemand erwartet hatte: Beide Seiten lachten gemeinsam. Nur für wenige Sekunden — ein Übersetzungsfehler hatte einen valqarischen Begriff für „gemeinsames Territorium“ als „gemeinsames Badezimmer“ wiedergegeben. Der Übersetzer wurde korrigiert, die Diplomaten lachten, dann arbeiteten sie weiter. Für Umrem war dieser kleine Moment fast bedeutender als jeder Vertrag. Wesen, die miteinander lachen konnten, konnten vielleicht irgendwann aufhören, aufeinander zu schießen.

Nach vier Tagen stand ein erster gemeinsamer Entwurf: Grenzkommissionen, wissenschaftliche Kooperation, ein Moratorium für militärische Flüge, gemeinsame Nutzung des Subraumkorridors, ein Austauschprogramm für Studenten. Noch kein Frieden — aber etwas, das vor wenigen Monaten unmöglich erschienen war. Die Botschafter unterzeichneten. Als Nächstes würden die Außenminister kommen, danach, falls alles funktionierte, die Regierungschefs.

Tasha und Umrem standen auf der oberen Galerie des diplomatischen Saals. Unter ihnen verließen die Delegationen den Raum.

„Vielleicht schaffen sie es“, sagte Tasha.

Umrem sah hinunter. „Vielleicht.“

„Das klang fast optimistisch.“

„Gewöhn dich nicht daran.“

Tasha lächelte. Dann bemerkte sie, dass Umrem nicht mehr zu ihr sah. Er beobachtete einen Mann am anderen Ende der Galerie — nur einen Techniker. Der Mann verschwand hinter einer Tür.

„Was?“

Umrem schüttelte den Kopf. „Nichts.“

Doch einige Sekunden später berührte er seinen Kommunikator. „Troxi an Sicherheitszentrale.“

„Sicherheitszentrale.“

„Überprüfen Sie die Zugangsprotokolle von Galerie Zwei.“

Tasha sah ihn an. „Warum?“

„Nur eine Vorsichtsmaßnahme.“

Am Abend kam der Bericht. Der Techniker hatte eine gültige Identifikation, eine gültige Dienstakte, eine gültige Sicherheitsfreigabe. Alles korrekt — fast. Seine Identität war vor drei Jahren zum letzten Mal biometrisch bestätigt worden.

Umrem runzelte die Stirn. „Wo ist er jetzt?“

Der Sicherheitsoffizier überprüfte die Daten. „Nicht mehr auf der Station.“

„Wann ist er gegangen?“

„Vor zwei Stunden.“

„Wohin?“

„Ziviler Frachter. Kurs Richtung Beta-Meridian.“

Umrem schwieg. Zu spät. Vielleicht war es tatsächlich nichts. Doch das ungute Gefühl blieb.

DER TAG DER AUSSENMINISTER

Fünf Wochen waren vergangen, seit die Persepolis aus dem Neralis-System zurückgekehrt war. Fünf Wochen, in denen Umrem geschlafen, gearbeitet, sein Schiff reparieren lassen, zwei Bewerbungsgespräche geführt, ohne die offene Stelle besetzen zu können, Dutzende Sicherheitsberichte gelesen, diplomatische Rituale gelernt und Hunderten Menschen die Hände geschüttelt hatte. Für einige Tage hatte er tatsächlich geglaubt, dass die größte Herausforderung dieser Mission darin bestehen würde, die Beleuchtung auf siebenundvierzig Prozent einzustellen.

Er hätte es besser wissen müssen.

Aiya Anusha war an diesem Morgen festlich geschmückt. Föderationsbanner hingen entlang der Hauptpromenade, Offiziere trugen Galauniform, die diplomatischen Bereiche waren geschlossen. Die Nerathi hatten eine traditionelle Lichtskulptur mitgebracht, die Valqari ein hundertachtzig Jahre altes Friedensbanner. Journalisten von zwölf Welten warteten auf die Ankunft der Außenminister. Wenn dieser Tag erfolgreich verlief, würden innerhalb eines Monats die Regierungschefs beider Welten persönlich nach Aiya Anusha kommen.

Tasha stand im Empfangsbereich, Umrem neben ihr. Sie hielt ihr eigenes PADD und ging den Ablauf ein letztes Mal selbst durch — zum vierten Mal an diesem Morgen.

Ein Protokolloffizier trat neben sie. „Valqarisches Shuttle erreicht Andockbereich Sieben in vier Minuten.“

Tasha nickte. „Nerathi?“

„Sechs Minuten.“

Umrem berührte seinen Kommunikator. „Sicherheitszentrale. Status.“

„Alle Bereiche frei.“

„Persepolis?“

„Sensoren zeigen keine ungewöhnliche Aktivität.“

Tasha sah zu ihm. „Zufrieden?“

Umrem dachte nach. „Fast.“

„Das ist vermutlich das Beste, was ich von dir bekommen werde.“

Die valqarische Hymne begann. Auf dem Hauptschirm erschien das diplomatische Shuttle. Tasha richtete ihre Uniform. „Dann beginnt es.“

Umrem lächelte leicht. „Diesmal hoffentlich etwas friedlicher als beim letzten Mal, als du das gesagt hast.“

Tasha wollte antworten.

Dann explodierte das Shuttle.

Der Empfangsbereich erbebte. Das Licht flackerte. Menschen schrien. Auf dem Hauptschirm verwandelte sich das valqarische Shuttle in eine Wolke aus Feuer und Trümmern.

„ROTER ALARM!“

Umrem war bereits an der taktischen Konsole. „Was ist passiert?!“

„Explosion im Andockbereich Sieben!“

„Ursache?“

„Unbekannt!“

Tasha aktivierte ihren Kommunikator. „Medizinische Teams zu Dock Sieben! Sicherheitsteams Alpha und Gamma in den diplomatischen Bereich!“

Umrem betrachtete die Sensordaten, dann erstarrte er. „Warte.“

Tasha drehte sich um. „Was?“

Umrem vergrößerte eine Anzeige. Kleine Energieanstiege — innerhalb des Docks. „Das war kein Unfall.“

Ein weiterer Alarm. „Sekundäre Energiequelle entdeckt!“

Umrem rief: „Evakuieren!“

Drei Sekunden später detonierte der zweite Sprengsatz.

Was danach geschah, dauerte sechs Minuten und zwölf Sekunden. Später würde es sich für alle Beteiligten wie eine Stunde anfühlen.

Ein dritter Sprengsatz wurde entdeckt; Sicherheitsteams deaktivierten ihn. Ein vierter explodierte in einem Versorgungsschacht. Sieben Sternenflottenoffiziere wurden verletzt, zwei Mitglieder der valqarischen Delegation ebenfalls. Der Außenminister hatte Glück — sein Shuttle war bereits mit der Station verbunden gewesen. Sekunden vor der Explosion hatte der Transporterraum auf Anweisung des Sicherheitsteams alle diplomatischen Personen automatisch erfasst. Der Minister wurde herausgebeamt. Die Nerathi-Delegation erreichte ihren Schutzbereich unverletzt.

Dann meldete sich Sicherheitschef Narek. „Admiral Franks! Wir haben einen Verdächtigen!“

Der Mann trug nerathische Kleidung und rannte durch einen Versorgungskorridor. Zwei Sicherheitsoffiziere folgten ihm.

„Stehen bleiben!“

Er rannte weiter. Ein Phaserstrahl traf die Wand vor ihm. Der Mann stoppte.

Umrem und Tasha erreichten den Korridor Sekunden später. Eine Sicherheitsoffizierin scannte den Verdächtigen und runzelte die Stirn. „Das ergibt keinen Sinn.“

Tasha trat näher. „Was?“

„Er ist kein Nerathi.“

Die Haut des Mannes flackerte, dann das Gesicht — das gesamte Erscheinungsbild brach zusammen. Holografische Tarnung. Darunter: ein Mensch.

Umrem trat vor. „Name.“

Keine Antwort.

„Wer hat dich geschickt?“

Der Mann lächelte.

Tasha bemerkte etwas an seinem Handgelenk — eine kleine Markierung. Drei Buchstaben. STA.

Umrem sah sie ebenfalls. Seine Stimme wurde leiser. „Tarmak.“

Der Mann grinste. Das war Antwort genug.

Zwei Stunden später saßen die Vertreter der Föderation sowie die beiden Außenminister gemeinsam im diplomatischen Konferenzraum. Die Beleuchtung betrug noch immer siebenundvierzig Prozent — niemand hatte daran gedacht, sie zu ändern.

Tasha stand vor einer holografischen Darstellung des Anschlags. „Wir wissen inzwischen, was geschehen ist.“

Der valqarische Außenminister sah sie an. „Dann erklären Sie es.“

Umrem aktivierte das erste Modell. „Die Explosion an Ihrem Shuttle sollte den Eindruck erwecken, dass ein nerathisches Energiesystem verwendet wurde.“

Der Nerathi blickte sofort zu seinem valqarischen Gegenüber.

Umrem wechselte die Darstellung. „Vier Minuten später sollte ein zweiter, wesentlich größerer Sprengsatz im Bereich der nerathischen Delegation detonieren.“

Der nerathische Außenminister verstand. „Damit es aussieht, als hätten die Valqari Vergeltung geübt.“

„Genau.“

Stille.

Tasha trat vor. „Jemand wollte, dass beide Seiten glauben, die jeweils andere hätte den Friedensprozess verraten.“

Der Valqari sah auf die Darstellung. „Jemand wollte Krieg.“

„Ja.“

„Wer?“

Auf dem holografischen Display erschienen drei Buchstaben: STA. Dann ein Gesicht. Tarmak.

Der Nerathi betrachtete es. „Dieser Mann ist tot.“

Tasha antwortete: „Das haben wir ebenfalls geglaubt.“

Umrem schüttelte langsam den Kopf. „Wir glauben es nicht mehr.“

Die Analyse dauerte die ganze Nacht: Verschlüsselungscodes, Bauteile, Tarntechnologie, Kommunikationsreste. Um 03:17 fand ein Techniker schließlich die Verbindung — der 0,7 Sekunden lange Subraumimpuls, jenes Signal, das Umrem zwei Wochen zuvor gespeichert hatte. Es war ein Aktivierungscode gewesen. Keine Nachricht, kein Gespräch. Nur ein Befehl: Operation starten.

Umrem stand vor dem Bildschirm. Tasha kam neben ihn.

„Du hattest recht.“

Umrem schüttelte den Kopf. „Nicht genug.“

„Du konntest nicht wissen, was es war.“

„Nein.“ Er betrachtete die Daten. „Aber Tarmak wollte, dass wir es irgendwann herausfinden.“

„Warum?“

Umrem dachte an den Mann, an seine Geschichte, an die Earth Space Federation, an die ESS Imperium — an einen Menschen, der selbst seine Niederlagen in Geschichten über sich selbst verwandeln musste. „Weil es nicht reicht, dass etwas passiert.“ Umrem sah Tasha an. „Er muss wissen, dass wir wissen, dass er es war.“

Tasha verstand. „Sein Ego.“

„Seine größte Schwäche.“

Am folgenden Morgen baten die Außenminister um eine gemeinsame Erklärung. Niemand auf Aiya Anusha wusste, was sie sagen würden. Tasha stand seitlich neben ihnen, Umrem dahinter. Kameras aus zwölf Welten waren zugeschaltet.

Der nerathische Außenminister begann. „Gestern versuchte jemand, unsere beiden Völker gegeneinander aufzubringen.“

Der Valqari sprach weiter. „Er glaubte, vierzig Jahre Misstrauen seien stärker als unser Wunsch nach Frieden.“

Die beiden Männer sahen einander an. Der Valqari streckte die Hand aus. Eine Sekunde. Zwei. Drei. Der Nerathi ergriff sie.

„Er hat sich geirrt.“

Im Saal war es völlig still.

Der Nerathi fuhr fort. „Wir haben gesehen, wohin Misstrauen führt.“

Der Valqari nickte. „Und wir haben gesehen, was Menschen tun werden, die von unserem Konflikt profitieren wollen.“ Dann sah er direkt in die Kamera. „Unsere Regierungen haben deshalb beschlossen, die Verhandlungen nicht auszusetzen.“ Eine Pause. „Wir werden sie beschleunigen.“

Tasha hob überrascht den Kopf. Auch Umrem hatte damit nicht gerechnet.

„Unsere Regierungschefs“, erklärte der Nerathi, „werden wie geplant nach Aiya Anusha kommen.“

Der Valqari ergänzte: „Und wir werden ihnen gemeinsam einen ersten Friedensvertrag vorlegen.“

Applaus erfüllte den Raum. Nicht sofort — zuerst zögerlich, dann immer stärker.

Tasha sah zu Umrem. Er lächelte.

Später standen beide im Beobachtungsbereich über dem diplomatischen Saal. Unten arbeiteten Nerathi und Valqari gemeinsam an einem Dokument.

Tasha verschränkte die Arme. „Tarmak wollte einen Krieg.“

„Ja.“

„Er wollte die Verhandlungen zerstören.“

„Ja.“

„Und jetzt beschleunigen sie sie.“

Umrem nickte. Ein kleines Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Man könnte sagen, Tarmak hat wesentlich mehr erreicht, als er wollte.“

Tasha sah ihn an. „Du meinst weniger.“

„Nein.“ Umrem deutete nach unten. „Er wollte unbedingt Geschichte schreiben.“

Unter ihnen saßen Vertreter zweier verfeindeter Welten am selben Tisch. „Das hat er.“

Tasha musste lachen. Umrem ebenfalls. Dann wurde sie ernst. „Er ist noch da draußen.“

Umrem nickte. „Ja.“

„STA auch.“

„Ja.“

„Und wenn Tarmak dahintersteckt …“

Umrem blickte hinaus zu den Sternen. „Dann ist Hasad wahrscheinlich auch nicht weit.“

Eine kurze Stille entstand.

Tasha sah zu ihm. „Du hast mir vor zwei Wochen gesagt, wir sollen nicht von ihm besessen sein.“

„Sollen wir auch nicht.“

„Aber?“

Umrem sah sie an. „Wachsam sein.“

Tasha nickte. „Wachsam.“

Ihr Kommunikator piepte. „Kommunikationszentrale an Admiral Franks.“

Tasha berührte ihn. „Franks hier.“

„Admiral, der Vorsitzende des Föderationsdiplomatischen Rates möchte Sie sprechen.“

Tasha schloss kurz die Augen. „Jetzt?“

„Ja.“

„Sagen Sie ihm, ich komme.“

Eine Pause. „Außerdem warten dreiundzwanzig Nachrichten auf Ihre Freigabe.“

„Von wem?“

„Das … müsste jemand sortieren, Admiral.“

Tasha atmete langsam aus. „Verstanden.“

Sie sah zu Umrem. Er grinste. „Und du hast in vierzig Minuten eine Sicherheitsbesprechung.“

„Ich weiß.“

„Du hast sie selbst eingetragen.“

„Ich weiß.“

„Weil niemand da ist, der sie für dich eintragen könnte.“

Tasha sah ihn an. „Sag es nicht.“

„Ich habe gar nichts gesagt.“

„Du denkst es.“

„Sehr laut.“

Umrem begann bereits wegzugehen.

„Umrem.“

Er drehte sich noch einmal um. „Ja?“

„Finde mir einen Yeoman. Bevor die Regierungschefs kommen.“

„Ich werde es versuchen.“

„Das ist kein Ja.“

„Nein“, gab Umrem zu. „Das ist es nicht.“

Tasha schüttelte den Kopf. „Ich werde dich dafür irgendwann zur Verantwortung ziehen.“

„Stell dich hinten an.“

Umrem verließ den Beobachtungsbereich. Sein nächster Weg führte zur Persepolis. Das Schiff lag vollständig repariert am äußeren Pylon — bereit, wartend.

Noch vor fünf Wochen war Umrem erschöpft aus dem Neralis-System zurückgekehrt. Damals hatte er nur schlafen wollen: ein paar Wochen Ruhe, administrative Arbeit, vielleicht einige langweilige Besprechungen. Stattdessen hatte er erneut gelernt, dass es auf Aiya Anusha so etwas wie wirkliche Ruhe vermutlich niemals geben würde.

Er blieb vor einem Fenster stehen. Draußen lag die Persepolis, hinter ihr die Sterne. Irgendwo dort draußen befanden sich Tarmak, Hasad, STA — und vermutlich noch viele Dinge, von denen sie nichts wussten.

Doch hier auf Aiya Anusha geschah gleichzeitig etwas anderes: Zwei Völker, die sich jahrzehntelang misstraut hatten, saßen an einem Tisch. Nicht weil ihre Vergangenheit verschwunden war. Nicht weil sie plötzlich dieselben Interessen hatten. Nicht weil sie Freunde geworden waren. Sondern weil sie entschieden hatten, dass Unterschiede kein Grund sein mussten, Feinde zu bleiben.

Umrem betrachtete die Sterne noch einige Sekunden. Dann berührte er seinen Kommunikator. „Troxi an Persepolis.“

„Persepolis hier.“

„Status?“

„Alle Systeme einsatzbereit, Captain.“

Umrem lächelte. „Gut.“

Er ging weiter. Hinter ihm glitt ein Shuttle durch das Blickfeld. Vor ihm lag ein weiterer Arbeitstag. Und irgendwo, viele tausend Lichtjahre entfernt, plante jemand wahrscheinlich bereits den nächsten.

FORTSETZUNG FOLGT …

TEIL 4

DER BALL

Es gab viele Dinge, die Admiral Tasha Franks nicht mochte. Endlose Sitzungen, in denen dieselben drei Sätze in immer neuen Worten wiederholt wurden. Berichte, die eigentlich auf eine Seite gepasst hätten und trotzdem dreiundvierzig Seiten lang waren. Diplomaten, die das Wort „kurz“ benutzten und anschließend zwei Stunden redeten. Und vor allem Menschen, die ihr ein PADD mit den Worten überreichten: „Sie müssen nur noch hier unterschreiben.“ Denn Tasha wusste inzwischen genau, dass dieser Satz grundsätzlich bedeutete, dass sie vorher mindestens zwanzig Seiten lesen musste, meistens in einer Sprache, die die Rechtsabteilung offenbar absichtlich unverständlich hielt.

Aber all das war erträglich. Es gab etwas anderes. Etwas Schlimmeres. Etwas, vor dem selbst eine Frau, die Sternenimperien mit einem einzigen Blick zur Ordnung rufen konnte, zurückschreckte.

Einen Ball.

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„Nein“, sagte sie, ohne von ihrem Schreibtisch aufzusehen.

Yeoman Merok stand bereits seit einer Minute vor ihr, drei PADDs gleichzeitig balancierend, mit der Geduld eines Mannes, der wusste, dass die Zeit auf seiner Seite war.

„Admiral, Sie haben die Einladung bereits angenommen.“

„Dann widerrufe ich sie.“

„Das können Sie nicht.“

Tasha hob langsam den Blick. „Merok.“

„Admiral?“

„Ich bin Admiral.“

„Das ist korrekt.“

„Ich kommandiere Aiya Anusha.“

„Ebenfalls korrekt.“

„Dann erkläre mir bitte, warum ich nicht entscheiden darf, ob ich auf meiner eigenen Raumstation zu einem Ball gehe.“

Merok dachte kurz nach, mit jener beunruhigenden Gründlichkeit, mit der er alles bedachte, selbst die einfachsten Fragen. „Weil Sie den Ball veranstalten.“ Eine Pause, dann, als wäre es ein nachträglicher Trost: „Und streng genommen handelt es sich ohnehin nicht um einen Ball.“

Tasha blinzelte. „Natürlich nicht.“

„Es ist ein diplomatischer Staatsempfang mit zeremonieller Tanzsequenz.“

Eine lange Stille legte sich über das Büro.

„Merok.“

„Ja, Admiral?“

„Das ist ein Ball.“

„Die offizielle Bezeichnung—“

„Ball.“

„Staatsempfang.“

„Ball.“

„Mit zeremonieller—“

„Merok.“

Der Benzit schwieg, und für einen Moment genoss Tasha die Stille, ehe sie tief durchatmete. „Warum habe ich dich eigentlich eingestellt?“

Von der Tür her erklang eine Stimme, amüsiert und viel zu selbstsicher. „Weil du unbedingt einen Yeoman wolltest.“

Captain Umrem Troxi lehnte im Türrahmen, die Arme verschränkt, ein Grinsen im Gesicht, das er nicht einmal versuchte zu verbergen.

Tasha zeigte auf Merok, als wäre er ein Beweisstück. „Das ist deine Schuld.“

„Meine?“

„Du solltest jemanden finden.“

„Das habe ich.“

„Ich wollte Hilfe.“

Umrem sah zu Merok, dann wieder zu Tasha, mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der die Pointe bereits kannte. „Du hast Hilfe bekommen.“

„Ich habe eine wandelnde Dienstvorschrift bekommen.“

Merok hob einen Finger, ernsthaft interessiert an der Präzision der Aussage. „Sternenflottenvorschriften können nicht wandeln.“

Tasha schloss die Augen. Umrem musste sich sichtbar zusammenreißen, um nicht laut zu lachen.

„Lach nicht.“

„Ich lache nicht.“

„Du lachst.“

„Nur innerlich.“

Tasha zeigte auf die Tür. „Raus.“

Umrem ging, noch immer grinsend. Merok blieb stehen, unbeeindruckt von der Anweisung, solange sie ihn nicht ausdrücklich einschloss.

Tasha sah ihn an. „Du auch.“

„Aber Admiral, Ihr Terminplan—“

„RAUS.“

Merok nickte, mit der unerschütterlichen Höflichkeit eines Mannes, der wusste, dass er gewonnen hatte, noch bevor der Streit begann. „Selbstverständlich. Ihre nächste Besprechung beginnt übrigens in acht Minuten und siebenundzwanzig Sekunden.“

Die Tür schloss sich. Tasha blieb allein zurück, betrachtete die Decke, als könnte sie dort Antworten finden, die ihr sonst niemand gab.

„Ich vermisse die Zeit“, sagte sie leise, „als niemand meinen Terminkalender organisiert hat.“

Von draußen, gedämpft durch die Tür, kam Meroks Stimme. „Das habe ich gehört, Admiral.“

Tasha schloss erneut die Augen. „Natürlich hast du das.“

Der diplomatische Empfang war allerdings wichtiger, als Tasha zugeben wollte, und das wusste sie besser als jeder andere auf der Station.

Vier Wochen waren seit dem Anschlag auf die Friedensverhandlungen zwischen den Nerathi und den Valqari vergangen. Vier Wochen, seit die STA versucht hatte, beide Völker gegeneinander aufzubringen, ihre jahrzehntealte Rivalität in offenen Krieg zu verwandeln. Der Versuch war gescheitert – mehr noch, er hatte das genaue Gegenteil bewirkt. Aus dem Schock des gemeinsamen Angriffs war etwas gewachsen, das keiner der beiden Delegationen vorher für möglich gehalten hätte. Die Nerathi und Valqari hatten ihre Gespräche beschleunigt. Grenzfragen, die seit Generationen ungelöst geblieben waren, wurden innerhalb weniger Tage geklärt. Ein gemeinsamer wissenschaftlicher Korridor war beschlossen worden. Militärische Patrouillen entlang der umstrittenen Systeme sollten reduziert werden.

Und nun sollte auf Aiya Anusha ein vorläufiger Friedensvertrag unterzeichnet werden.

Diesmal kamen nicht nur Außenminister. Die Regierungschefs beider Welten waren persönlich anwesend. Und noch jemand, dessen bloße Anwesenheit die Sicherheitsprotokolle der gesamten Station auf den Kopf gestellt hatte: der Präsident der Vereinigten Föderation der Planeten, Joshua Archer, ein Nachfahre Jonathan Archers. Allein sein Familienname besaß noch immer ein besonderes Gewicht innerhalb der Föderation, eine Tatsache, die Merok Tasha bereits viermal erklärt hatte. Beim fünften Mal hatte sie ihm gedroht, ihn persönlich einer Transporterwartung zuzuteilen. Seitdem hatte er es nicht mehr erwähnt – zumindest nicht direkt.

In ihrem Quartier stand Captain T’Leya vor dem Spiegel und überprüfte ihre Galauniform mit einer Sorgfalt, die für sie ungewöhnlich war.

Vor wenigen Wochen hatte sie noch auf der Krankenstation gelegen. Gebrochene Knochen. Verbrennungen. Verletzungen, die selbst mit moderner Medizin Zeit gebraucht hatten, um zu heilen. Jetzt war sie wieder auf den Beinen, noch nicht ganz so schnell wie früher, noch nicht ganz so unbekümmert – aber sie war gesund. Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich wirklich glücklich. Nicht wegen eines Ranges. Nicht wegen eines Schiffes. Nicht wegen irgendeiner neuen Mission. Einfach deshalb, weil sie noch hier war. Weil ihre Freunde noch hier waren. Und weil es endlich wieder einen Abend geben sollte, an dem niemand kämpfen musste.

Lieutenant Saan Liora trat neben sie und musterte sie mit hochgezogener Augenbraue. „Du siehst aus, als würdest du lieber gegen drei klingonische Schlachtkreuzer kämpfen.“

T’Leya zog den Kragen ihrer Uniform zurecht. „Vier.“

Saan lächelte. „So schlimm?“

„Ich kann nicht tanzen.“

„Du hast schon Schlimmeres überlebt.“

T’Leya sah sie im Spiegel an. „Das ist kein Argument.“

„Du musst nicht tanzen.“

T’Leya drehte sich zu ihr um. „Tasha hat genau dasselbe gesagt.“

Saan verstand sofort, und ein Lächeln legte sich über ihr Gesicht. „Und deshalb wirst du tanzen.“

„Natürlich.“

„Nur damit sie nicht recht hat.“

„Natürlich.“

Saan schüttelte lächelnd den Kopf, dann wurde ihr Ausdruck weicher, ehrlicher. „Es ist schön, dich wieder so zu sehen.“

T’Leya antwortete diesmal nicht sofort. Sie dachte an die Wochen auf der Krankenstation, an die Nächte, in denen sie nicht sicher gewesen war, ob sie je wieder so stehen würde. Dann lächelte sie. „Es ist schön, wieder hier zu sein.“

Auch Sela Varen bereitete sich auf den Empfang vor. Inzwischen war sie wieder vollständig in ihre Aufgaben eingebunden, auch wenn die letzten Wochen auf Aiya Anusha vieles verändert hatten. Neue Verantwortlichkeiten. Neue Gesichter. Neue Sicherheitsbestimmungen, die selbst erfahrene Offiziere manchmal ins Stocken brachten.

Und manche Dinge waren überraschend gleich geblieben. Vor allem Tasha Franks. Tasha behauptete steif und fest, sie sei nach all den Ereignissen geduldiger geworden. Umrem behauptete, das sei schlicht nicht wahr. Merok hatte begonnen, dazu eine Liste mit statistischen Beobachtungen zu führen. Niemand hatte ihn darum gebeten. Das hielt ihn nicht davon ab.

Sechs Stunden später war Aiya Anusha kaum wiederzuerkennen.

Der große Beobachtungssaal war vollständig umgebaut worden. Holografische Sterne bewegten sich langsam über die Decke, und zwischen ihnen erschienen abwechselnd die Symbole der Föderation, der Nerathi und der Valqari, als würde der Himmel selbst den Frieden feiern. An den großen Fenstern lag die Galaxis ausgebreitet wie ein Ozean aus Licht; draußen glitten Shuttles und Sternenflottenschiffe lautlos durch die Dunkelheit. Drinnen spielte ein kleines Ensemble Musik, während sich der Saal mit Gästen füllte – Menschen, Vulkanier, Andorianer, Tellariten, Nerathi, Valqari, Dutzende weitere Spezies, deren Stimmen und Gelächter sich zu einem warmen Summen vermischten.

Tasha stand am Eingang, mit Merok an ihrer Seite.

„Lächeln, Admiral.“

„Ich lächle.“

„Nein.“

Tasha sah ihn an. „Wie bitte?“

„Ihre Mundwinkel haben sich um lediglich 0,8 Millimeter bewegt.“

„Merok.“

„Ein glaubwürdiges menschliches Lächeln benötigt durchschnittlich—“

„Sag noch ein Wort über meine Mundwinkel.“

Merok verstummte, gerade rechtzeitig, denn Präsident Joshua Archer kam bereits auf sie zu. Tasha richtete sich auf.

„Mr. President.“

Archer reichte ihr die Hand. „Admiral Franks. Eine beeindruckende Station.“

„Danke.“

Er sah sich um, offensichtlich beeindruckt von den holografischen Sternen und der Menge an Delegierten. „Und ein beeindruckender Empfang.“

Tasha zwang ihre Mundwinkel etwas weiter nach oben. „Das war größtenteils mein Yeoman.“

Merok verbeugte leicht den Kopf. „Danke, Admiral.“

Tasha sah zu Archer, mit todernster Miene. „Ich hasse ihn.“

Archer lachte. Merok antwortete vollkommen ernst: „Unsere Zusammenarbeit ist ausgesprochen effizient.“

Eine Stunde später geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte: Tasha begann sich tatsächlich zu entspannen.

Der Vertrag war noch nicht unterschrieben, aber die Stimmung im Saal war gut, fast ausgelassen. Nerathi und Valqari standen gemeinsam an den Tischen und unterhielten sich, ohne dass ein einziger Sicherheitsoffizier hätte eingreifen müssen. Sela Varen diskutierte lebhaft mit einem andorianischen Offizier über irgendein technisches Problem, das offenbar niemanden außer den beiden interessierte. Saan Liora hatte bereits zwei Offiziere davon überzeugt, weniger synthetisches Blutweinimitat zu trinken, mit mäßigem Erfolg. Sicherheitschef Narek bewegte sich unauffällig zwischen den Gästen, sein Blick niemals ganz zur Ruhe kommend.

Und T’Leya …

Tasha blieb stehen. Sie sah zweimal hin, um sicherzugehen, dass ihre Augen sie nicht täuschten.

T’Leya tanzte. Nicht besonders elegant. Nicht besonders freiwillig, wenn man ihrem Gesichtsausdruck glauben durfte. Aber sie tanzte, und sie lachte dabei – ein Lachen, das Tasha seit der Schlacht kaum noch gehört hatte.

Umrem erschien neben ihr, ein Glas in der Hand, den Blick auf dasselbe Bild gerichtet. „Ich glaube, ich habe gerade etwas Historisches gesehen.“

Tasha nickte langsam. „Vergiss den Friedensvertrag.“

„Genau.“

„T’Leya tanzt.“

„Das glaubt uns niemand.“

Tasha hob ihr PADD. „Ich könnte ein Foto machen.“

„Wenn du weiterleben willst, würde ich davon abraten.“

Tasha senkte es wieder. „Guter Punkt.“

T’Leya bemerkte in diesem Moment beide, und ihr Blick sagte alles, was Worte nicht mehr hätten sagen müssen. Umrem wandte sich demonstrativ ab. „Ich habe nichts gesehen.“

Tasha tat es ihm gleich. „Ich auch nicht.“

T’Leya lächelte trotzdem. Sie war einfach froh, wieder unter ihren Freunden zu sein, und in diesem Moment war ihr jede Peinlichkeit gleichgültig.

Zwanzig Minuten später stand Tasha mit einem Glas am Fenster und beobachtete das ferne Glitzern der Sterne, während hinter ihr die Musik weiterspielte.

Merok kam neben sie. „Admiral.“

„Was?“

„In sieben Minuten beginnt die zweite Ansprache des Präsidenten.“

„Ich weiß.“

„Danach folgt der zeremonielle Tanz der valqarischen Delegation.“

„Ich weiß.“

„Danach—“

„Merok.“

„Ja?“

Tasha sah hinaus zu den Sternen, dann zurück in den Saal. Menschen lachten. Nerathi und Valqari unterhielten sich, als hätten sie nie etwas anderes getan. T’Leya tanzte noch immer, und Saan grinste darüber, als wäre es das Beste, was sie seit Monaten gesehen hatte. Selbst Narek wirkte für einen Sicherheitschef beinahe entspannt.

Tasha atmete aus. „Vielleicht ist das Ganze gar nicht so schlimm.“

Umrem, der gerade vorbeiging, blieb abrupt stehen. „Was hast du gesagt?“

„Nichts.“

„Du hast gesagt, dass dir der Ball gefällt.“

„Das habe ich nicht.“

„Doch.“

„Ich sagte nur—“

Die Beleuchtung erlosch.

Dunkelheit legte sich über den Saal wie ein Tuch. Dann ein Phaserimpuls. Ein Schrei. Und plötzlich, ohne Übergang, ohne Vorwarnung, war der Abend vorbei.

Die Notbeleuchtung sprang an. Rotes Licht erfüllte den Saal, warf lange, zerrissene Schatten über die Gesichter der Gäste. Tasha griff instinktiv nach ihrem Kommunikator.

Keine Verbindung.

„Sicherheit!“, rief sie, doch Narek war bereits unterwegs, seine Bewegungen scharf und geübt.

Dann erschien ein Kraftfeld vor dem Ausgang. Ein zweites über den Fenstern. Ein drittes teilte den Saal in zwei Hälften. Zwölf Gestalten bewegten sich gleichzeitig, mit einer Präzision, die keinen Zweifel daran ließ, dass dies lange geplant worden war. Einige von ihnen hatten noch Sekunden zuvor die Uniformen des Servicepersonals getragen. Andere trugen Galauniformen, nicht anders als die übrigen Gäste. Jetzt zogen sie Waffen – Phasergewehre, kompakte Disruptoren, die im roten Notlicht matt schimmerten.

Zwei Sicherheitsoffiziere versuchten zu reagieren. Betäubungsstrahlen trafen sie, und sie fielen zu Boden, noch ehe sie ihre eigenen Waffen ziehen konnten.

Narek zog seinen Phaser. „WAFFEN RUNTER!“

Drei Angreifer schossen gleichzeitig. Narek warf sich hinter einen Tisch, gerade rechtzeitig, um den Strahlen zu entgehen.

T’Leya reagierte anders. Der Mann neben ihr hob sein Gewehr, doch bevor er zielen konnte, packte T’Leya den Lauf und drehte ihn zur Seite. Der Schuss ging in die Decke, ein greller Blitz, der für einen Moment das ganze Chaos erhellte. Sie schlug dem Mann den Ellenbogen ins Gesicht, riss ihm die Waffe aus der Hand, noch ehe er zu Boden gegangen war.

Ein zweiter Angreifer kam auf sie zu. T’Leya schoss. Betäubung. Er fiel.

Ein dritter griff sie von hinten an. T’Leya drehte sich, ein einziger Schlag, und der Mann stolperte gegen einen Tisch, Gläser und Kerzen krachten zu Boden.

Tasha sah zu ihr hinüber. „T’LEYA!“

Doch vier weitere Waffen richteten sich in diesem Moment auf die Captain. T’Leya blieb stehen. Langsam hob sie die Hände. Einer der Angreifer nahm ihr die Waffe ab, und T’Leya sah ihn kalt an. „Du hattest Glück.“

„Auf die Knie.“

„Genieß es.“

Der Mann stieß sie nach unten. T’Leya kniete, sah zu Tasha hinüber. „Ich nehme alles zurück.“

„Was?“

„Bälle sind schlimmer als klingonische Schlachtkreuzer.“

Unter anderen Umständen hätte Tasha gelacht. Jetzt nicht.

Die Angreifer trieben die Gäste in die Mitte des Saales zusammen, mit knappen, geübten Bewegungen. Präsident Archer blieb erstaunlich ruhig, sein Gesicht eine Maske professioneller Gelassenheit. Saan Liora kniete neben einem verletzten Sternenflottenoffizier, dessen Uniform bereits dunkel gefärbt war.

„Ich brauche medizinische Ausrüstung.“

Ein Angreifer richtete seine Waffe auf sie. „Zurück.“

Saan sah ihn unbeeindruckt an. „Er verblutet.“

„Zurück.“

„Dann erschieß mich.“

Tasha hob den Kopf. „Saan.“ Doch Saan ignorierte sie, und der Angreifer zögerte einen Moment, ehe er ihr schließlich ein kleines Notfallset zuwarf. Saan fing es auf. „Danke.“ Sie begann sofort mit der Behandlung, ihre Hände ruhig trotz der Waffen, die sie umgaben.

Merok saß neben Tasha, und selbst jetzt beobachtete er alles – einen Angreifer, seine Waffe, seine Haltung – mit derselben unerschütterlichen Aufmerksamkeit, die er sonst für Terminpläne aufbrachte.

„Sie halten das Gewehr falsch“, sagte er schließlich.

Tasha drehte langsam den Kopf. „Merok.“

Der Angreifer sah zu ihm. „Was?“

„Ihr rechter Daumen liegt zu hoch. Bei einem Rückstoß könnte—“

Tasha flüsterte scharf: „Merok.“

„Ich wollte lediglich verhindern, dass er sich verletzt.“

„Schweig.“

„Natürlich, Admiral.“

Drei Sekunden später: „Allerdings ist auch seine Sicherung—“

„Merok.“

Diesmal schwieg er wirklich.

Der Anführer der Gruppe trat vor, ein Mensch, etwa fünfzig, ohne erkennbare Tätowierung, ohne Uniform – jemand, der überall hätte arbeiten können und sich genau deshalb unter das Servicepersonal hatte mischen können, ohne aufzufallen.

„Alle bleiben ruhig.“

Tasha betrachtete ihn eindringlich. „Sie wissen, wen Sie hier festhalten?“

Der Mann sah zu Präsident Archer hinüber. „Natürlich.“

„Dann wissen Sie auch, wie viele Sternenflottenschiffe gerade um diese Station liegen.“

„Sechs.“

Tasha wurde aufmerksam. Er wusste es genau, ohne zu zögern, als hätte er die Zahl auswendig gelernt.

„Sie kommen hier nicht raus.“

Der Mann lächelte, ein schmales, beunruhigend ruhiges Lächeln. „Vielleicht wollen wir das gar nicht.“

Tasha bemerkte den Satz, prägte ihn sich ein, doch bevor sie antworten konnte, verlangte der Mann bereits einen Transportkorridor. Ein Shuttle. Freies Geleit. Keine Verfolgung. Keine Sensorabtastung.

Tasha hörte zu, und mit jedem Wort wurde sie skeptischer. Es war zu gewöhnlich. Zu einfach. Zu offensichtlich. Jeder Kadett im ersten Ausbildungsjahr hätte gewusst, dass niemand mit dem Präsidenten der Föderation als Geisel einfach ein Shuttle bekam und davonflog. Die Angreifer mussten das ebenfalls wissen.

Tasha sah sich um. T’Leya. Saan. Narek. Archer. Sela. Merok.

Dann erst bemerkte sie es, ein kalter, langsamer Schreck: Umrem war nicht da.

Tasha runzelte die Stirn. Wann hatte sie ihn zuletzt gesehen? Kurz bevor das Licht ausgegangen war. Danach nicht mehr.

Acht Minuten nach Beginn der Geiselnahme hörte Tasha die erste Explosion. Nicht groß. Präzise. Die Tür an der Nordseite des Saales wurde weggesprengt, ein Blitz aus Blendlicht, der die Dunkelheit für einen Herzschlag lang auslöschte.

Die Angreifer drehten sich um. Zu spät.

Sternenflotten-Sicherheitsteams stürmten den Saal. Betäubungsstrahlen durchschnitten die Dunkelheit, ein Angreifer fiel, dann ein zweiter. Narek sprang hinter seinem Tisch hervor und griff nach einer fallen gelassenen Waffe. T’Leya wartete nicht länger auf eine Gelegenheit – sie packte den Mann neben ihr am Bein, zog ihn zu Boden, entriss ihm den Phaser. „Ich sagte doch, du hattest Glück.“ Schuss. Betäubung. Der Mann blieb liegen.

Sela Varen warf sich zur Seite, zog einen Phaser aus dem Holster eines bewusstlosen Offiziers und feuerte auf einen weiteren Angreifer. Narek rief: „LINKS!“ Zwei Sicherheitsoffiziere bewegten sich gleichzeitig, und der letzte bewaffnete Mann wurde getroffen.

Dann: Stille. Alles war vorbei. Elf Minuten nach dem ersten Phaserimpuls. Elf Minuten, die sich angefühlt hatten wie eine Ewigkeit und gleichzeitig wie ein einziger, angehaltener Atemzug.

Tasha stand langsam auf. Präsident Archer wurde von seinem Sicherheitsteam umringt. Saan behandelte weiter die Verletzten. Narek überprüfte die Gefangenen, einen nach dem anderen. T’Leya richtete ihre Galauniform, so gut es ging.

Tasha sah sie kurz an. Vor wenigen Wochen hätte T’Leya nicht einmal ohne Hilfe aufstehen können. Jetzt hatte sie drei bewaffnete Männer bekämpft, ohne zu zögern.

T’Leya bemerkte ihren Blick. „Was?“

Tasha lächelte, zum ersten Mal seit der Explosion. „Schön, dich wiederzuhaben.“

T’Leya lächelte zurück. „Schön, wieder da zu sein.“ Dann sah sie auf die Verwüstung um sie herum – zerbrochenes Glas, umgeworfene Tische, die Reste holografischer Sterne, die noch immer flackernd über der Decke schwebten. „Trotz des Balls.“

Narek trat zu ihnen. „Alle zwölf.“

Tasha sah sich um, doch etwas stimmte nicht, ein leises, unbequemes Gefühl, das sich nicht abschütteln ließ. Sie kannte Angriffe. Sie kannte Tarmak. Sie kannte die STA. Und sie kannte Menschen, die bereit waren, für eine Sache zu sterben. Diese Männer hatten einen Raum voller der wichtigsten politischen Persönlichkeiten des Sektors unter Kontrolle gehabt.

Und dann? Nichts. Kein wirklicher Fluchtplan. Keine politischen Forderungen. Keine Botschaft. Keine Hinrichtung. Kein Versuch, den Präsidenten zu entführen. Sie waren überwältigt worden – fast zu leicht.

Tasha ging zum Anführer, der gefesselt am Boden lag, und kniete vor ihm. „Was war das?“

Der Mann schwieg.

„Was wolltet ihr?“

Keine Antwort. Tasha betrachtete ihn lange, und dann sah sie etwas: Er lächelte. Nicht viel. Nur ein wenig. Aber er lächelte.

Tasha stand sofort auf. „Narek.“

„Admiral?“

„Das war nicht der Angriff.“

Narek verstand nicht. „Was?“

Tasha sah zur Tür, ein kalter Verdacht, der sich in ihrem Magen festsetzte. „Das hier war die Ablenkung.“

Zwei Decks tiefer öffnete sich eine Wartungstür.

Umrem Troxi trat heraus, seine Galauniform schmutzig, eine Seite seines Ärmels eingerissen. In seiner rechten Hand hielt er einen Phaser, mit der linken schob er einen gefesselten Mann vor sich her – Mensch, dunkle Haare, etwa vierzig, eine leichte Blutung an der Stirn.

Umrem führte ihn direkt in den zerstörten Saal.

Tasha sah ihn kommen. „Wo warst du?“

Umrem blickte auf die Verwüstung um sich herum, die umgeworfenen Tische, die betäubten Angreifer, die erschöpften Gesichter. „Ich sehe, ich habe den interessanten Teil verpasst.“

T’Leya zeigte auf ihre beschädigte Uniform. „Du schuldest mir einen Drink.“

„Warum?“

„Weil du nicht da warst.“

Umrem sah den gefesselten Mann an, mit einem Anflug von Ernst, der sein sonstiges Grinsen verdrängte. „Ich hatte einen anderen Tanzpartner.“

Tasha trat näher. „Wer ist das?“

Umrem schob den Gefangenen nach vorne. „Sein Name ist Andos.“

Der Mann schwieg. Umrem legte ein kleines Gerät auf einen Tisch – schwarz, flach, ohne sichtbare Kontrollen. Narek scannte es, und sein Gesicht veränderte sich merklich. „Das ist ein kryptografischer Datenextraktor.“

Tasha sah zu Umrem. „Was hat er damit gemacht?“

Umrem wurde ernst. „Er war im Sicherheitskern.“

Der Raum wurde still.

Zwanzig Minuten später befanden sich Tasha, Umrem, T’Leya, Narek, Saan und Präsident Archer in einem abgesicherten Konferenzraum. Merok stand selbstverständlich ebenfalls dort, obwohl niemand ihn eingeladen hatte – Tasha hatte längst aufgegeben, ihn hinauszuwerfen, wenn es wirklich darauf ankam.

Auf dem Tisch lag das Gerät. Daneben erschien ein Hologramm von Aiya Anusha, und Umrem aktivierte eine Sektion tief im Inneren der Station.

„Nach den vergangenen Angriffen wurde die komplette Sicherheitsarchitektur ersetzt“, begann er. „Die wichtigsten Zugangscodes werden nicht über das reguläre Computernetz verteilt.“ Das Hologramm vergrößerte sich, und ein isolierter Kern erschien, pulsierend in kühlem Blau. „ARGUS.“

Präsident Archer sah ihn an. „Das neue Sicherheitsprotokoll.“

„Genau.“

ARGUS kontrollierte nicht direkt die Station – das war Absicht. Aber es erzeugte die kryptografischen Schlüssel, die fast alle sensiblen Systeme authentifizierten: Schildkontrolle, Waffenplattformen, Transportersperren, Andockkontrollen, Notfallkraftfelder, interne Sicherheitszonen, selbst die Freigabe für bestimmte Bereiche der Kommandozentrale. Wer ARGUS besaß, kontrollierte Aiya Anusha nicht automatisch. Aber er wusste, wie man ihre Türen öffnete.

Umrem sah Tasha an. „Wenn jemand den Kern vollständig kopiert hätte, könnten wir keinem unserer Sicherheitscodes mehr vertrauen.“

Narek wurde bleich. „Beim nächsten Angriff könnten sie unsere Schilde deaktivieren.“

„Oder Transportersperren.“

„Oder Waffenplattformen.“

Tasha sah auf das Gerät. „Wie weit ist er gekommen?“

Umrem aktivierte die Analyse. Eine Zahl erschien, kalt und unmissverständlich: 81,4 PROZENT.

Niemand sagte etwas.

„Der Download stoppte bei einundachtzig Komma vier Prozent“, erklärte Umrem schließlich.

„Reicht das?“, fragte Archer.

Narek schüttelte den Kopf. „Nein. Die Schlüsselstruktur ist fragmentiert. Ohne den vollständigen Datensatz sollten die Informationen nicht verwendbar sein.“

Tasha sah ihn an. „Sollten?“

Narek korrigierte sich. „Wir ändern trotzdem alles.“

„Sehr gute Antwort.“

Tasha wandte sich an Umrem. „Woher wusstest du es?“

Umrem sah zu Merok. Tasha folgte seinem Blick, und Merok richtete sich auf, mit dem Ausdruck eines Mannes, der genau auf diese Frage gewartet hatte.

„Ich hatte eine Unregelmäßigkeit festgestellt.“

Tasha starrte ihn an. Natürlich. „Welche?“

„Für den Empfang waren siebenundvierzig Servicemitarbeiter registriert.“

„Und?“

„Im internen Versorgungssystem wurden achtundvierzig Mahlzeiten für Servicepersonal freigegeben.“

Stille. T’Leya sah zu ihm. „Du hast wegen eines zusätzlichen Abendessens Alarm geschlagen?“

„Nein.“ Merok klang beinahe beleidigt. „Ich habe recherchiert.“

Natürlich hatte er das.

„Die achtundvierzigste Freigabe gehörte einem Techniker namens Andos.“

Umrem übernahm. „Merok hat mich ungefähr drei Minuten vor Beginn des Angriffs darauf hingewiesen.“

Tasha sah ihn an. „Warum hast du mir nichts gesagt?“

„Weil ich zuerst überprüfen wollte, ob wir nur einen hungrigen Techniker haben.“

„Und?“

„Wir hatten einen hungrigen Terroristen.“

Saan musste kurz lachen, trotz allem, was gerade geschehen war.

Umrem fuhr fort. „Andos bewegte sich vom Ballsaal weg.“

Tasha verstand sofort. „Während alle anderen Sicherheitsteams dorthin liefen.“

„Genau.“

Der Angriff hatte begonnen, und die internen Sicherheitssysteme hatten automatisch Priorität auf den Präsidenten gelegt. Sicherheitspersonal war in den diplomatischen Sektor verlegt worden – Kameras, Sensoren, taktische Computerleistung, Transportersperren, fast die gesamte Aufmerksamkeit der Station hatte sich auf einen einzigen Raum konzentriert. Genau wie geplant.

Andos war in die entgegengesetzte Richtung gegangen. Allein. Unsichtbar.

„Ich bin ihm gefolgt“, sagte Umrem. Er hatte gesehen, wie Andos einen Wartungsschacht öffnete, wie er einen manipulierten Sternenflottencode verwendete, wie er sich durch zwei interne Sicherheitszonen bewegte, ruhig und methodisch, als hätte er den Weg zuvor unzählige Male geübt. Dann hatte Umrem verstanden. Der Präsident war niemals das Ziel gewesen. Die Nerathi waren es nicht. Die Valqari ebenfalls nicht. Nicht einmal Tasha. Der Ball war nur die Bühne. Der echte Angriff fand drei Decks tiefer statt.

„Als ich ihn erreichte“, sagte Umrem, „hatte er bereits mit dem Transfer begonnen.“

T’Leya sah auf die Anzeige. „Einundachtzig Prozent.“

Umrem nickte. „Noch ungefähr neunzig Sekunden, und wir hätten ein Problem gehabt.“

Tasha blickte zu Merok. Der Benzit stand vollkommen aufrecht, zufrieden, sehr zufrieden – zu zufrieden.

„Sag es nicht“, sagte Tasha.

Merok hob eine Augenbraue. „Was?“

„Ich weiß genau, was du sagen willst.“

„Ich wollte lediglich feststellen, dass eine präzise Kontrolle administrativer Unregelmäßigkeiten—“

„Merok.“

„—gelegentlich von erheblichem taktischem Nutzen—“

„Merok.“

„—sein kann.“

Tasha sah ihn lange an, dann atmete sie aus. „Gut.“ Merok wartete. „Du hast die Station gerettet.“

Meroks Gesicht veränderte sich kaum, aber für einen Benziten war es vermutlich ein breites Grinsen. „Danke, Admiral.“

Tasha hob einen Finger. „Das bedeutet nicht, dass du ab morgen meinen Kaffee protokollierst.“

„Das tue ich bereits.“

Tasha erstarrte. Umrem drehte sich weg, um sein Lachen zu verbergen. T’Leya begann zu lachen, Saan ebenfalls. Tasha schloss die Augen. „Natürlich tust du das.“

Andos wurde drei Stunden später verhört. Tasha saß ihm gegenüber, in einem schmucklosen Raum, dessen einziges Licht kalt von oben fiel. Umrem stand an der Wand, die Arme verschränkt. Narek beobachtete alles durch die Sicherheitskonsole nebenan.

„STA?“, fragte Tasha.

Andos schwieg.

„Tarmak?“

Keine Antwort.

„Hasad?“

Zum ersten Mal veränderte sich Andos‘ Blick – nur für einen Sekundenbruchteil, aber Umrem bemerkte es. Tasha ebenfalls.

„Interessant“, sagte sie.

Andos lächelte schmal. „Sie glauben immer noch, Tarmak sei das Zentrum von allem.“

Tasha lehnte sich zurück. „Ist er das nicht?“

Andos sagte nichts. Umrem trat näher. „Der Angriff auf die Verhandlungen war Tarmaks Stil.“ Keine Antwort. „Laut.“ Er ging langsam um den Tisch. „Dramatisch.“ Andos beobachtete ihn wachsam. „Jeder sollte wissen, dass er es war.“ Umrem deutete auf den Datenextraktor. „Das hier ist anders.“ Stille. „Kein Publikum.“ Er blieb stehen. „Keine Rede.“ Noch einen Schritt. „Kein Symbol.“ Er sah Andos direkt an. „Nur ein Ziel.“

Andos‘ Lächeln verschwand.

Umrem nickte langsam. „Hasad.“

Andos schwieg. Aber diesmal war das Schweigen Antwort genug.

Später standen Tasha und Umrem im Beobachtungsbereich, während der Rest der Station langsam zur Ruhe kam. Der Ball war vorbei, natürlich. Die Gäste waren in sichere Quartiere gebracht worden, auch wenn die Regierungschefs der Nerathi und Valqari darauf bestanden hatten, auf der Station zu bleiben. Präsident Archer ebenfalls. Der Friedensvertrag sollte am nächsten Morgen trotzdem unterzeichnet werden, als hätte die Nacht ihn nur aufgeschoben, nicht gefährdet.

Tasha sah hinaus in die Dunkelheit. „Elf Minuten.“

Umrem stand neben ihr. „Was?“

„Die ganze Geiselnahme.“ Sie schüttelte den Kopf. „Elf Minuten.“

Umrem nickte. „Mehr brauchten sie nicht.“

Tasha sah ihn an. „Das macht mir mehr Angst als die Waffen.“

„Mir auch.“

Eine Weile standen beide schweigend da, während draußen ferne Lichter vorbeizogen. Dann sagte Tasha: „Tarmak will gesehen werden.“

„Ja.“

„Hasad will gewinnen.“

Umrem nickte. „Das ist ein Unterschied.“

„Ein großer.“

Tasha blickte hinaus auf die Lichter der Station. „Wir ändern ARGUS vollständig.“

„Narek arbeitet bereits daran.“

„Alle Zugangscodes.“

„Schon angeordnet.“

„Biometrische Prüfungen.“

„Auch.“

Tasha sah ihn an, mit einem Anflug von echtem Respekt. „Du bist heute irritierend effizient.“

Umrem lächelte. „Ich lerne von Merok.“

Tasha zeigte auf ihn, halb im Scherz, halb ernst. „Sag so etwas nie wieder.“

Die Tür öffnete sich. Merok trat herein.

„Admiral.“

Tasha schloss die Augen. „Was jetzt?“

„Ihr morgiger Terminplan.“

„Merok.“

„Die Vertragsunterzeichnung wurde auf 09:00 Uhr verschoben.“

„Gut.“

„Präsident Archer möchte vorher um 08:15 Uhr mit Ihnen frühstücken.“

„Gut.“

„Captain T’Leya bittet darum, dass sämtliche Aufzeichnungen ihres Tanzes gelöscht werden.“

Tasha öffnete die Augen. Umrem begann bereits zu lachen.

„Existieren Aufzeichnungen?“, fragte Tasha.

Merok sah auf sein PADD. „Vierzehn.“

Tasha und Umrem sahen einander an. Tasha grinste. „Sichern.“

„Tasha“, sagte Umrem.

„Doppelt.“

„Tasha.“

„Verschlüsselt.“

Merok tippte etwas ein. „Erledigt.“

Zum ersten Mal an diesem Tag lachte Tasha wirklich, ein Lachen, das den Schrecken der letzten Stunden für einen Moment vertrieb.

Viele tausend Lichtjahre entfernt, in den Hallen von Burgos, stand Hasad vor einem großen Fenster. Unter ihm lagen die Lichter der Anlagen, die seine Leute über Jahre errichtet hatten – Hangars, Energiezentren, Forschungskomplexe, Schiffe, ein ganzes verborgenes Reich, das kaum jemand in der Föderation je zu Gesicht bekommen würde.

Hinter ihm erschien Tarmak.

„Sie haben Andos.“

Hasad antwortete nicht.

„Hast du mich gehört?“

„Ja.“

Tarmak trat näher, seine Stimme angespannt. „Dann warum stehst du hier so ruhig?“

Hasad drehte sich um. „Was soll ich tun?“

„Er wurde gefangen genommen.“

„Das habe ich verstanden.“

„Der Plan ist gescheitert.“

Hasad betrachtete ihn mit einer Ruhe, die Tarmak sichtlich beunruhigte. „Welcher Plan?“

Tarmak schwieg. Hasad ging zu einem Tisch, und ein holografisches Modell von Aiya Anusha erschien darüber, Dutzende Linien, die sich durch die Station bewegten – Zeitangaben, Sicherheitswege, Reaktionszeiten, Verlagerung von Personal, Transportersperren.

Tarmak sah auf die Daten. „Was ist das?“

„Elf Minuten.“ Hasad vergrößerte das Bild. „Elf Minuten lang haben wir gesehen, wie Aiya Anusha auf eine Geiselnahme reagiert.“ Neue Daten erschienen. „Welche Sicherheitsteams zuerst bewegt werden.“ Noch eine Anzeige. „Welche Korridore automatisch gesperrt werden.“ Noch eine. „Wie lange die Verstärkung braucht.“

Tarmak sah ihn an, langsam begreifend. „Du hast den Sicherheitskern nicht bekommen.“

„Nein.“

„Dann haben wir verloren.“

Hasad lächelte leicht. „Du denkst immer noch wie ein Politiker.“ Tarmaks Blick wurde kalt. Hasad deutete auf Aiya Anusha. „Manchmal stiehlt man nicht den Schatz.“ Eine Pause. „Man stiehlt den Plan des Gebäudes.“

Tarmak betrachtete die Daten, widerwillig beeindruckt. „Und Andos?“

„Wusste nur, was er wissen musste.“

„Kennt er Burgos?“

Hasad sah ihn beinahe beleidigt an. „Tarmak.“ Eine kurze Pause. „Ich bin ehrgeizig.“ Er deaktivierte das Hologramm. „Nicht dumm.“

Tarmak lächelte nicht. Hasad schon.

Dann erschien auf einem anderen Bildschirm ein Bild: Admiral Tasha Franks, Captain Umrem Troxi, Captain T’Leya, Saan Liora, Sicherheitschef Narek. Und schließlich, unscheinbar zwischen ihnen: Yeoman Merok.

Hasad betrachtete den Benziten lange. „Interessant.“

Tarmak sah ebenfalls hin. „Wer ist das?“

Hasad las die Datei, und dann musste er tatsächlich lachen, ein kurzes, unwilliges Lachen. „Ein Yeoman.“

Tarmak runzelte die Stirn. „Was ist daran lustig?“

Hasad sah auf die Meldung. „Offenbar ist unser gesamter Plan beinahe an einem zusätzlichen Abendessen gescheitert.“

Eine lange Stille entstand. Tarmak starrte ihn an. Hasad deaktivierte den Bildschirm.

„Unterschätze niemals Verwaltung.“

Am nächsten Morgen wurde der Vertrag unterzeichnet.

Nerathi und Valqari standen gemeinsam vor den Symbolen ihrer Welten, während Präsident Joshua Archer seine Unterschrift als Zeuge darunter setzte. Tasha stand neben Umrem, T’Leya auf der anderen Seite – noch vor wenigen Wochen hätte niemand gewusst, ob sie überhaupt rechtzeitig wieder auf den Beinen sein würde. Jetzt stand sie dort, gesund, aufrecht, glücklich. Saan und Narek befanden sich dahinter, Sela Varen beobachtete die Zeremonie mit stiller Aufmerksamkeit, und Merok stand selbstverständlich genau dort, wo er laut Protokoll stehen sollte.

Der valqarische Regierungschef streckte dem Nerathi die Hand entgegen. Eine Sekunde. Zwei. Drei. Der Nerathi nahm sie, und Applaus erfüllte den Raum, warm und ungezwungen, wie eine Erleichterung, die zu lange zurückgehalten worden war.

Tasha sah kurz zu T’Leya. T’Leya lächelte – nicht das erschöpfte Lächeln aus der Krankenstation, nicht das Lächeln einer Frau, die versuchte, anderen Mut zu machen. Ein echtes.

Tasha lächelte zurück, dann sah sie zu Umrem. „Vielleicht war der Ball doch nicht vollkommen schrecklich.“

Umrem hob eine Augenbraue. „Geiselnahme.“

„Stimmt.“

„Terroristen.“

„Stimmt.“

„Versuchter Diebstahl des gesamten Sicherheitsprotokolls.“

Tasha dachte nach. „Gut.“ Sie nickte. „Der Ball war schrecklich.“

Merok trat hinter sie. „Admiral, technisch gesehen endete der Ball vor Beginn der Geiselnahme.“

Tasha drehte langsam den Kopf. Umrem begann sofort wegzugehen.

„Umrem.“

Er ging schneller.

„UMREM.“

„Ich muss zur Persepolis.“

Tasha zeigte auf Merok. „Nimm ihn mit!“

Merok sah verwirrt zwischen beiden hin und her, dann folgte er Umrem. „Captain Troxi, laut meinem Dienstplan bin ich allerdings Admiral Franks zugeteilt.“

Umrem beschleunigte seinen Schritt. „Captain?“ Noch schneller. „Captain Troxi?“

Tasha sah ihnen hinterher, und zum ersten Mal seit langer Zeit musste sie wirklich lachen.

T’Leya trat neben sie, und gemeinsam blickten sie hinaus zu den Sternen. „Weißt du“, sagte T’Leya, „ich glaube, ich habe solche Abende vermisst.“

Tasha sah sie überrascht an. „Du wurdest als Geisel genommen.“

„Ja.“

„Du wurdest beschossen.“

„Auch richtig.“

„Und du hast drei Männer verprügelt.“

T’Leya dachte kurz nach. „Vielleicht habe ich nur den Teil mit den Freunden vermisst.“

Tasha lächelte. „Das klingt vernünftiger.“

Ihr Blick wanderte hinaus in die Dunkelheit. Irgendwo dort draußen waren Tarmak und Hasad. Sie hatten wieder zugeschlagen, und dieses Mal hatten sie etwas Neues gezeigt: Geduld. Planung. Präzision. Der Krieg war vorbei, aber das bedeutete nicht, dass die Gefahr verschwunden war. Vielleicht hatte sie gerade erst gelernt, leiser zu werden.

Tasha sah hinaus in die Dunkelheit. Dann sagte sie leise: „Beim nächsten Mal sind wir bereit.“

Aiya Anusha leuchtete weiter in der Dunkelheit. Nicht unverwundbar. Aber wachsam. Und für einen kurzen Moment waren Tasha und T’Leya einfach froh, noch da zu sein.

FORTSETZUNG FOLGT …

TEIL 5

35 JAHRE

Es gab Entscheidungen, bei denen Admiral Tasha Franks sofort wusste, was zu tun war.

Ein feindliches Schiff näherte sich der Station?

Alarmstufe Rot.

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Ein Botschafter drohte mit dem Abbruch von Verhandlungen?

Reden.

Ein Sicherheitssystem funktionierte nicht?

Umrem holen.

Und wenn Umrem das Problem verursacht hatte?

Ihn trotzdem holen.

Doch es gab auch Entscheidungen, bei denen selbst Tasha nicht wusste, ob sie richtig waren.

Diese Feier gehörte dazu.

Aiya Anusha existierte seit fünfunddreißig Jahren.

Fünfunddreißig Jahre.

Für eine Raumstation war das nicht unbedingt ein besonders hohes Alter. Manche Sternenflotteneinrichtungen waren wesentlich älter. Doch Aiya Anusha war keine gewöhnliche Station.

Sie hatte Kriege gesehen.

Politische Krisen.

Sabotage.

Verrat.

Freundschaften.

Neuanfänge.

Und Menschen, die versucht hatten, aus ihr etwas zu machen, das sie niemals hatte sein sollen.

Deshalb hatte Tasha lange gezögert, als vorgeschlagen worden war, das Jubiläum groß zu feiern.

Nach allem, was in den vergangenen Monaten geschehen war, erschien ihr eine Feier beinahe unpassend.

Doch dann hatte sie erfahren, wer kommen würde.

Marina Brechek.

Ein Name aus einer anderen Zeit.

Eine Frau, über die Tasha bereits gelesen hatte, lange bevor sie selbst die Uniform der Sternenflotte getragen hatte.

Eine Frau, deren Laufbahn sie als junge Kadettin beeindruckt hatte.

Und eine Frau, deren Bedeutung für Aiya Anusha größer war, als Tasha bis vor wenigen Tagen überhaupt gewusst hatte.

Also hatte sie zugestimmt.

Nicht zu einem offiziellen Sternenflottenprogramm.

Darauf hatte Marina bestanden.

Keine Flottenparade.

Keine hundert Admiräle.

Keine dreistündige Zeremonie mit fünfzehn Reden darüber, wie bedeutend alle Anwesenden waren.

Stattdessen war es eine Feier der Station geworden.

Der Menschen, die auf ihr gelebt hatten.

Derjenigen, die noch hier waren.

Und derjenigen, die nicht mehr hier sein konnten.

Der große Beobachtungssaal war voller Menschen.

Vulkanier standen neben Menschen, Andorianer diskutierten mit Tellariten, ehemalige Offiziere erzählten Geschichten aus Zeiten, in denen manche Sektionen der Station noch nicht einmal existiert hatten.

Holografische Bilder zeigten Aiya Anusha während verschiedener Phasen ihrer Geschichte.

Den Bau.

Die ersten Schiffe.

Die ersten diplomatischen Missionen.

Erweiterungen.

Krisen.

Und schließlich die Gegenwart.

Umrem Troxi stand mit einem Glas in der Hand neben Tasha.

„Ich muss zugeben“, sagte er, „ich hatte weniger Menschen erwartet.“

Tasha sah in den Saal.

„Ich auch.“

„Merok sagt, es sind vierhundertzweiundachtzig.“

Tasha drehte langsam den Kopf.

„Warum weiß Merok das?“

„Weil Merok alles weiß.“

„Das macht mir Angst.“

„Mir auch.“

Am anderen Ende des Saales stand Marina Brechek.

Ihr Haar war inzwischen grau geworden. Sie trug keine Uniform mehr und hatte seit Jahren keinen aktiven Rang in der Sternenflotte geführt.

Und trotzdem bemerkte Tasha, wie viele Menschen automatisch etwas gerader standen, wenn Marina an ihnen vorbeiging.

Nicht aus Angst.

Aus Respekt.

Marina selbst schien davon wenig beeindruckt.

Als man ihr wenige Minuten zuvor eine Gedenkplakette zum fünfunddreißigjährigen Bestehen der Station überreicht hatte, hatte sie sie angesehen und trocken gesagt:

„Sehr schön. Aber hoffentlich erwartet niemand, dass ich sie irgendwo an die Wand hänge.“

Der ganze Saal hatte gelacht.

Tasha ebenfalls.

Genau in diesem Moment hatte sie verstanden, warum sie Marina mochte.

Kurz vor Mitternacht war die Stimmung ausgelassen.

T’Leya hatte vorsichtshalber jeden Versuch abgewehrt, erneut zum Tanzen überredet zu werden.

„Einmal“, hatte sie erklärt, „war genug.“

Umrem hatte daraufhin behauptet, vierzehn Videoaufnahmen würden etwas anderes beweisen.

T’Leya hatte ihn fünf Sekunden lang angesehen.

Umrem hatte danach beschlossen, das Thema zu wechseln.

Marina unterhielt sich mit ehemaligen Stationsoffizieren, während Merok versuchte, Tasha daran zu erinnern, dass sie am nächsten Morgen um 08:30 Uhr frühstücken sollte.

„Merok.“

„Admiral?“

„Es ist Mitternacht.“

„Korrekt.“

„Warum redest du mit mir über Frühstück?“

„Weil Frühstück nach Mitternacht statistisch gesehen erheblich näher liegt als vor Mitternacht.“

Tasha starrte ihn an.

„Geh weg.“

„Selbstverständlich.“

Er ging tatsächlich.

Tasha war so überrascht, dass sie ihm einige Sekunden hinterhersah.

Dann bemerkte sie den Mann.

Er stand am Rand des Saales.

Ein dunkler Mantel.

Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen.

Für eine Veranstaltung mit mehreren hundert Gästen wäre das vielleicht nicht sofort aufgefallen.

Doch Tasha Franks war nicht irgendwer.

Und nach dem Angriff während des Balls betrachtete sie jeden ungewöhnlichen Schatten inzwischen zweimal.

Der Mann bewegte sich auf sie zu.

Langsam.

Ruhig.

Er blieb direkt neben ihr stehen.

„Wir müssen reden.“

Tasha erstarrte.

Diese Stimme.

Sie kannte sie.

Der Mann wandte sich bereits wieder ab.

„Shuttlehangar 26-B.“

Tasha sah ihn scharf an.

„Wer sind Sie?“

Keine Antwort.

„In fünf Minuten.“

Der Mann ging weiter.

Dann blieb er noch einmal stehen.

„Allein.“

Und verschwand zwischen den Gästen.

Tasha betrachtete die Stelle, an der er gestanden hatte.

Sie kannte diese Stimme.

Nur wollte ein Teil von ihr nicht glauben, dass sie wirklich hier war.

Sie informierte Umrem nicht.

Zumindest nicht direkt.

Stattdessen öffnete sie auf ihrem PADD eine Sicherheitsfreigabe für Shuttle 26-B.

Zwei Minuten später erschien eine Nachricht.

SICHERHEITSPROTOKOLL AKTIVIERT.

Tasha wusste genau, wer das gesehen hatte.

Umrem.

Gut.

Mehr brauchte er vorerst nicht zu wissen.

Als sie den Hangar erreichte, wartete das Shuttle bereits.

Die Tür stand offen.

Tasha trat hinein.

Der Mann mit der Kapuze saß im hinteren Bereich.

„Starten.“

Tasha blieb stehen.

„Du gibst hier keine Befehle.“

Langsam hob der Mann den Kopf.

Dann nahm er die Kapuze ab.

Tasha schnaubte.

„Hasad.“

Er lächelte.

„Admiral.“

„Ich wusste, dass mir die Stimme bekannt vorkommt.“

„Ich bin geschmeichelt.“

„Sei es nicht.“

Hasad deutete auf den Sitz gegenüber.

„Drei Stunden.“

„Was?“

„Das Shuttle fliegt drei Stunden auf einem programmierten Kurs außerhalb der unmittelbaren Stationssensoren und kehrt danach zurück.“

Tasha setzte sich nicht.

„Und warum sollte ich das tun?“

„Weil ich nicht möchte, dass jemand unser Gespräch hört.“

Tasha sah ihn an.

Dann schloss sich die Tür.

Das Shuttle startete.

Erst als Aiya Anusha hinter ihnen kleiner geworden war, setzte sich Tasha.

„Also“, sagte sie. „Was willst du?“

Hasad legte die Hände zusammen.

„Frieden.“

Tasha lachte.

Nicht laut.

Nicht freundlich.

Ein einziges kurzes Lachen.

„Das war gut.“

„Ich meine es ernst.“

„Das macht es lustiger.“

Hasads Gesicht blieb ruhig.

„Wir haben Burgos.“

„Ich weiß.“

Für einen winzigen Moment veränderte sich sein Gesicht.

Tasha bemerkte es.

„Überrascht?“

„Ein wenig.“

„Gut.“

Hasad lehnte sich zurück.

„Burgos kann uns genügen.“

„Uns?“

„Tarmak. Mir. Denjenigen, die uns gefolgt sind.“

Tasha schüttelte langsam den Kopf.

„Du willst mir erzählen, dass du auf der anderen Seite der Galaxis dein kleines Imperium aufgebaut hast und plötzlich beschlossen hast, genügsam zu werden?“

„Vielleicht.“

„Ich glaube dir kein Wort.“

Hasad seufzte.

„Du warst schon immer misstrauisch.“

„Und du warst schon immer ein Lügner.“

„Das ist eine sehr persönliche Bewertung.“

„Nein. Erfahrung.“

Hasad schwieg.

Tasha lehnte sich vor.

„Du willst Frieden? Dann verschwinde. Bleib auf Burgos. Keine Agenten. Keine Anschläge. Keine Manipulation. Keine STA-Operationen. Keine Leute auf meiner Station.“

„Das könnte arrangiert werden.“

„Nein.“

Hasad hob eine Augenbraue.

„Nein?“

„Weil ein Vertrag mit dir nichts wert wäre.“

Sie ließ einige Sekunden verstreichen.

„Die Menschheit hat diese Lektion schon einmal gelernt.“

Hasad verdrehte leicht die Augen.

„Bitte keine Geschichtsstunde.“

„Doch.“

Tasha sah ihn direkt an.

„München. 1938. Man nannte es Frieden. Man glaubte, wenn man einem Tyrannen nur genug gibt, würde sein Hunger verschwinden.“

Hasad schwieg.

„Er verschwand nicht.“

„Du vergleichst mich jetzt mit—“

„Ich vergleiche das Prinzip.“

Tasha lehnte sich zurück.

„Beschwichtigung ist kein Frieden. Und Kapitulation schon gar nicht.“

Hasad schüttelte den Kopf.

„Du bist bemerkenswert dramatisch.“

„Sagt der Mann, der in einem Kapuzenmantel auf meiner Jubiläumsfeier auftaucht.“

Hasad musste lachen.

„Das war fair.“

Für einige Sekunden herrschte Stille.

Dann sagte Hasad:

„Tarmak würde dich hassen, wenn er dich jetzt hören könnte.“

„Tarmak hasst mich ohnehin.“

„Das stimmt.“

„Und du?“

Hasad dachte tatsächlich darüber nach.

„Ich finde dich anstrengend.“

„Damit kann ich leben.“

„Emotional. Stur. Viel zu überzeugt von deiner eigenen moralischen Position.“

Tasha lächelte kalt.

„Und jetzt kommt wahrscheinlich der Teil über Frauen.“

Hasad sah sie an.

„Du kennst mich gut.“

„Leider.“

„Du hältst sehr viel von dieser modernen Vorstellung, dass jeder alles sein kann.“

Tasha starrte ihn an.

„Hasad, wir leben nicht im zwanzigsten Jahrhundert.“

„Manchmal frage ich mich, ob manche Ideen aus dieser Zeit nicht besser waren.“

„Natürlich tust du das.“

„Frauen wie du—“

Tasha hob eine Hand.

„Lass mich raten. Zu laut. Zu selbstständig. Zu wenig bereit, Männern wie dir zu gehorchen.“

Hasad lächelte.

„Du nimmst mir die ganze Freude.“

„Ich versuche nur, Zeit zu sparen.“

Sie musterte ihn.

„Gibt es auf Burgos eigentlich viele Ferengi?“

Hasad runzelte die Stirn.

„Was?“

„Ich warte darauf, dass du mir erklärst, Frauen sollten keine Kleidung tragen.“

Hasad lachte diesmal wirklich.

„Nein. So weit bin selbst ich nicht.“

„Beruhigend.“

„Ein Fortschritt.“

„Minimal.“

Hasad wurde wieder ernst.

„Mein Angebot steht.“

„Meines auch.“

„Du hast noch gar keines gemacht.“

„Doch.“

Tasha sah ihn ruhig an.

„Ich werde so tun, als wäre dieses Gespräch niemals passiert.“

Hasad sagte nichts.

„Ich werde offiziell nicht bestätigen, dass du auf Aiya Anusha warst.“

Sein Lächeln verschwand.

„Du bekommst die Gelegenheit, dieses Shuttle zu verlassen, zu deinem Schiff zurückzukehren und nach Burgos zu verschwinden.“

Sie beugte sich etwas näher zu ihm.

„Das ist mein bestes Angebot.“

„Und wenn ich ablehne?“

„Dann endet unser kleiner Ausflug.“

„Und?“

„Dann lasse ich dich festnehmen.“

Hasad lächelte wieder.

„Von wem? Wir sind in einem Shuttle.“

„Hasad.“

Tasha zeigte auf die Decke.

„Glaubst du wirklich, ich bin drei Stunden allein mit dir losgeflogen, ohne irgendeine Absicherung?“

Hasad sah sie einige Sekunden an.

„Umrem.“

Tasha sagte nichts.

„Natürlich.“

„Du lernst.“

„Und was erwartet mich?“

Tasha dachte kurz nach.

„Eine nette Föderationszelle.“

„Wie nett?“

„Zelle 378 wurde meines Wissens erst kürzlich renoviert.“

Hasad schmunzelte.

„Du hast dich verändert.“

„Du auch.“

„Zum Besseren?“

„Nein.“

Das Shuttle begann seine zweite Umlaufphase.

Hasad blickte hinaus zu den Sternen.

„Vielleicht werden wir eines Tages Freunde.“

Tasha musste lachen.

„Nein.“

„Heute Feinde. Morgen Freunde. Übermorgen wieder Feinde.“

„So funktioniert Freundschaft nicht.“

„Für mich schon.“

„Das erklärt einiges.“

Hasad sah sie an.

„Du hältst zu sehr an der Vergangenheit fest.“

„Ich lerne aus ihr.“

„Dasselbe behauptet Tarmak.“

„Dann hat wenigstens einer von uns tatsächlich damit angefangen.“

Hasads Blick wurde für einen Moment hart.

Dann lächelte er wieder.

„Ich habe ein Geschenk für dich.“

Tasha antwortete nicht.

„Etwas, das du wissen willst.“

„Von dir will ich gar nichts wissen.“

„Doch.“

Hasad beugte sich vor.

„Es gibt einen Spion auf Aiya Anusha.“

Tasha blieb vollkommen still.

Keine Reaktion.

Kein Blinzeln.

Hasad lächelte.

„Interessant.“

„Was?“

„Dass du nicht überrascht bist.“

„Vielleicht glaube ich dir einfach nicht.“

„Vielleicht.“

Er lehnte sich zurück.

„Ich werde dir keinen Namen nennen.“

„Weil es keinen gibt.“

„Vielleicht.“

„Dann ist dieses Gespräch beendet.“

„Noch nicht.“

Hasads Stimme wurde leiser.

„Ein Rat.“

Tasha wartete.

„Achte auf diejenigen, die am lautesten nach Verrätern suchen.“

„Das soll dein großer Hinweis sein?“

„Ich fand Spionagegeschichten schon immer faszinierend.“

Tasha verdrehte die Augen.

„Natürlich.“

„Kennst du Infernal Affairs?“

Tasha blinzelte.

„Was?“

„Alter Hongkong-Film. Wurde später von den Amerikanern als The Departed neu verfilmt.“

„Hasad.“

„Polizei und organisierte Kriminalität infiltrieren sich gegenseitig. Beide Seiten haben einen Spion in der anderen Organisation. Manche dieser Leute steigen jahrelang auf, bekommen Beförderungen, Vertrauen, Zugang.“

Tasha sah ihn kalt an.

„Komm zum Punkt.“

„Der Punkt ist, dass die gefährlichste Infiltration nicht die ist, die gestern begonnen hat.“

Er lächelte.

„Sondern die, die niemand mehr für eine Infiltration hält.“

Tasha sagte nichts.

„Vielleicht habt ihr einen solchen Menschen.“

„Vielleicht willst du nur Paranoia säen.“

„Auch möglich.“

„Und selbst wenn es stimmt: Warum solltest du mir helfen?“

Hasad lächelte breiter.

„Wer sagt, dass ich dir helfe?“

Da war es.

Tasha verstand.

Hasad wollte nicht, dass sie ihm glaubte.

Er wollte, dass sie zweifelte.

An jedem.

„Wir geben euch manchmal Informationen“, sagte er. „Echte Informationen.“

Tasha blieb still.

„Nur genug Wahrheit, damit ihr auch die Lüge glaubt.“

„Kontrollierte Lecks.“

„Genau.“

„Dann könnte alles, was du gerade gesagt hast, Teil davon sein.“

„Jetzt verstehst du.“

Tasha stand auf.

„Unser Gespräch ist vorbei.“

Hasad ebenfalls.

„Schade.“

„Nein.“

Das Shuttle näherte sich einem scheinbar leeren Bereich des Raumes.

Hasad trat an die Tür.

„Noch einmal: Glückwunsch zu fünfunddreißig Jahren.“

Tasha schwieg.

„Ihr habt einander wirklich verdient.“

„Hasad.“

Er sah zurück.

„Wenn ich dich noch einmal auf meiner Station sehe, bekommst du keine drei Stunden.“

Hasad lächelte.

„Zur Kenntnis genommen.“

Ein grünes Licht flackerte außerhalb des Shuttles.

Für einen Sekundenbruchteil erschien die Kontur eines Schiffes.

Dann verschwand sie wieder.

Getarnt.

Hasad wurde von einem Transporterstrahl erfasst.

Und war weg.

Tasha blieb allein zurück.

„Natürlich“, murmelte sie.

Dann setzte sie sich wieder.

„Umrem wird mich umbringen.“

Als das Shuttle nach Aiya Anusha zurückkehrte, war die Feier noch immer nicht vorbei.

Tasha betrat den Beobachtungssaal.

Marina Brechek bemerkte sie sofort.

Sie stand allein an einem der großen Fenster und wartete, bis Tasha näher kam.

„Du siehst aus, als hättest du gerade mit einem Geist gesprochen.“

Tasha blieb neben ihr stehen.

„Hasad.“

Marinas Gesicht veränderte sich.

Nur ein wenig.

Aber genug.

„Hier?“

„Ja.“

„Auf der Station?“

„Ja.“

Marina sah hinaus zu den Sternen.

„Was wollte er?“

„Frieden.“

Marina lachte leise.

„Dann wollte er etwas anderes.“

Tasha sah sie an.

Marina schwieg einen Moment.

„Ich kenne Männer wie Hasad.“

„Ich weiß.“

„Nein.“

Marina drehte sich zu ihr.

„Du kennst sie jetzt. Ich kannte manche von ihnen, bevor sie wichtig wurden.“

Tasha wartete.

„Als wir Aiya Anusha aufgebaut haben, ging es nie um mich.“

Marina sah sich im Saal um.

„Ich wollte nie, dass mein Name auf jedem Deck steht. Ich wollte keinen Titel über der Tür. Keine Statue. Kein Denkmal.“

„Deshalb wusste kaum jemand, welche Rolle du gespielt hast.“

Marina nickte.

„Vielleicht war das ein Fehler.“

Sie atmete langsam aus.

„Damals glaubte ich, Institutionen seien stärker als einzelne Menschen. Dass es egal sei, wer gerade ein Kommando führte, solange die Werte dahinter richtig waren.“

Ihr Blick wurde ernster.

„Dann kam Tarmak.“

Tasha sagte nichts.

„Nicht sofort der Tarmak, den du kennst.“

Marina schüttelte den Kopf.

„Am Anfang war er nur ehrgeizig. Laut. Überzeugt von sich selbst. Einer von diesen Menschen, die einen Raum betreten und bereits davon ausgehen, dass er ihnen gehört.“

„Das klingt nach ihm.“

„Es wurde schlimmer.“

Marina sah Tasha an.

„Als Menschen wie Tarmak plötzlich Einfluss bekamen, begann ich mich zu fragen, ob ich mich geirrt hatte.“

„Über die Sternenflotte?“

„Über vieles.“

Eine lange Pause.

„Ich war müde, Tasha.“

Ihre Stimme wurde leiser.

„Vielleicht auch zu alt für einen weiteren Kampf.“

Tasha wollte widersprechen.

Marina hob eine Hand.

„Das ist keine Entschuldigung. Nur die Wahrheit.“

Sie sah wieder hinaus.

„Ich ging.“

Tasha schwieg.

„Und lange Zeit dachte ich, vielleicht sei das alles gewesen. Vielleicht hatte Aiya Anusha ihre beste Zeit hinter sich.“

Dann lächelte Marina.

„Und dann habe ich von dir gehört.“

Tasha sah sie überrascht an.

„Von mir?“

„Von dir.“

Marina drehte sich vollständig zu ihr.

„Was du hier getan hast. Wie du diese Station wiederaufgebaut hast. Wie du nach allem, was geschehen ist, nicht versucht hast, sie zu deinem persönlichen Denkmal zu machen.“

Tasha lächelte schwach.

„Ich habe genug Probleme ohne Statuen von mir.“

„Genau.“

Marina lachte.

Dann wurde ihr Blick weich.

„Du hast Aiya Anusha ihren Geist zurückgegeben.“

Tasha schluckte.

„Marina—“

„Nein. Lass eine alte Frau einmal etwas Nettes sagen.“

Tasha musste lächeln.

„Gut.“

„Du machst mich stolz.“

Das traf sie härter, als Tasha erwartet hatte.

Für einen Moment wusste sie nicht, was sie sagen sollte.

Dann umarmte sie Marina.

„Danke.“

Marina erwiderte die Umarmung.

Tasha flüsterte:

„Ohne dich würde diese Station nicht existieren.“

„Vielleicht hätte jemand anders sie gebaut.“

„Aber nicht so.“

Marina löste sich von ihr.

Tasha wischte sich schnell über ein Auge.

„Und sag niemandem, dass ich beinahe geweint habe.“

„Natürlich nicht.“

„Umrem besonders nicht.“

„Selbstverständlich.“

„Und Merok.“

Marina lächelte.

„Ich weiß nicht, wer Merok ist.“

Von hinten ertönte eine Stimme.

„Yeoman Merok, Ma’am.“

Tasha schloss die Augen.

„Natürlich.“

Merok stand zwei Meter hinter ihnen.

„Ich wollte lediglich darauf hinweisen, dass das Frühstück morgen auf 08:30 Uhr angesetzt wurde.“

Tasha sah zu Marina.

„Siehst du? Das ist mein Leben.“

Marina grinste.

„Du hast es dir ausgesucht.“

„Leider.“

Dann sah Tasha sie an.

„Übrigens gibt es morgen beim Frühstück noch etwas.“

Marina wurde misstrauisch.

„Was?“

„Eine Überraschung.“

„Du benennst nichts nach mir.“

„Habe ich das gesagt?“

„Tasha.“

„08:30.“

„Tasha.“

„Gute Nacht, Marina.“

Tasha ging.

Marina rief ihr hinterher:

„KEINE STATUE!“

Umrem, der gerade mit einem Glas vorbeikam, blieb stehen.

„Was habe ich verpasst?“

Tasha ging einfach weiter.

„Tasha?“

Am nächsten Morgen saßen etwa vierzig Personen im kleinen Empfangssaal.

Kein großes Publikum.

Keine Presse.

Nur Menschen, die Marina nahestanden, einige aktive Offiziere und Vertreter der Sternenflotte.

Marina sah Tasha bereits misstrauisch an.

„Ich habe dir gesagt, nichts benennen.“

Tasha stand auf.

„Keine Sorge.“

„Keine Statue?“

„Keine Statue.“

„Kein Shuttle?“

„Nein.“

„Kein Korridor?“

„Marina.“

„Ich kenne euch.“

Tasha lächelte.

Dann nahm Merok eine kleine Schatulle von einem Tisch.

Marina wurde still.

Tasha öffnete sie.

Im Inneren lag eine sternförmige Kristallmedaille.

„Captain Marina Brechek.“

Marina schüttelte sofort den Kopf.

„Nein.“

„Doch.“

„Tasha.“

„Diesmal darfst du nicht davonlaufen.“

Tasha nahm die Medaille heraus.

„Auf meinen Antrag und mit Zustimmung des Sternenflottenkommandos wird dir der Crystal Pike Award für außergewöhnliche Verdienste um interstellare Verständigung, Aufbauarbeit und den Dienst an den Idealen der Föderation verliehen.“

Marina sah sie an.

Tasha trat näher.

„Fünfunddreißig Jahre.“

Sie befestigte die Medaille vorsichtig an Marinas Kleidung.

„Ohne dich gäbe es Aiya Anusha nicht.“

Marina wollte etwas sagen.

Tasha ließ sie nicht.

„Und ohne Menschen wie dich hätten Menschen wie ich niemals gelernt, wofür diese Uniform eigentlich stehen soll.“

Der Raum wurde vollkommen still.

„Diese Station wird niemals Menschen danach beurteilen, woher sie kommen, welcher Spezies sie angehören oder welche Welt ihre Heimat ist.“

Tashas Stimme wurde fester.

„Wir haben gesehen, wohin es führt, wenn Menschen anfangen, andere nicht nach ihrem Charakter, sondern nach ihrer Herkunft zu beurteilen.“

Marina sah sie ruhig an.

Tasha wusste, dass ihre nächsten Worte nicht nur für die Menschen in diesem Raum bestimmt waren.

„Wir suchen Frieden mit jedem, der wirklich Frieden will.“

Sie machte eine Pause.

„Aber Unterwerfung nennen wir nicht Frieden.“

Umrem hob langsam den Blick.

Er wusste genau, für wen dieser Satz bestimmt war.

„Wir werden niemandem erlauben, Angst zu benutzen, um diese Föderation wieder in jene Zeiten zurückzuführen, in denen Herkunft wichtiger war als Charakter.“

Tasha blickte in den Raum.

„Nicht hier.“

Eine Pause.

„Nicht auf Aiya Anusha.“

Sie sah Marina an.

„Und dafür danken wir dir.“

Applaus erfüllte den Saal.

Marina sagte nichts.

Ihre Augen glänzten.

Schließlich nahm sie Tashas Hand.

„Danke.“

Tasha lächelte.

„Gern.“

Umrem applaudierte ebenfalls.

Doch sein Blick lag auf Tasha.

Er hatte verstanden.

Diese Rede war nicht nur für Marina gewesen.

Sie war für Tarmak gewesen.

Für Hasad.

Und für jeden, der glaubte, Tasha Franks würde irgendwann müde genug werden, um aufzugeben.

Beim anschließenden Frühstück ließ sich Umrem neben Tasha fallen.

Vor ihm stand ein Teller mit einer bemerkenswert großen Portion.

Tasha sah ihn an.

„Was ist das?“

„Orionische Eier.“

„Natürlich.“

„Sehr gut.“

Er deutete auf ein kleines Gefäß.

„Und Kaviar.“

„Von wo?“

„Kaspisches Meer.“

Tasha sah ihn ungläubig an.

„Wir sind Lichtjahre von der Erde entfernt.“

„Logistik.“

„Du denkst heute wirklich nur ans Essen.“

„Es ist Frühstück.“

Tasha schüttelte den Kopf.

Umrem nahm einen Bissen.

Dann sagte er beiläufig:

„Übrigens habe ich das Gespräch aufgezeichnet.“

Tasha erstarrte.

„Welches Gespräch?“

Umrem sah sie an.

„Hasad.“

Tasha legte langsam ihre Gabel hin.

„Du hast was?“

„Du hast das Sicherheitsprotokoll aktiviert.“

„Das bedeutete nicht—“

„Notfallaufzeichnung.“

„Umrem.“

„Standardverfahren.“

„Seit wann?“

„Seit ich wusste, dass du allein mit Hasad in ein Shuttle steigst.“

„Du wusstest, dass er es war?“

„Nein.“

Umrem aß weiter.

„Aber niemand aktiviert Sicherheitsprotokoll Sieben-B, wenn er nur eine Runde fliegen will.“

Tasha starrte ihn an.

„Was willst du mit der Aufnahme machen?“

„Analysieren.“

„Umrem.“

„Später.“

Er hob die Gabel.

„Heute feiern wir.“

Tasha zeigte auf ihn.

„Du gibst mir eine Kopie.“

„Natürlich.“

„Und niemand sonst bekommt sie.“

Umrem dachte kurz nach.

„Vorläufig.“

„UMREM.“

Marina setzte sich ihnen gegenüber.

„Streitet ihr schon wieder?“

Umrem schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Tasha sagte gleichzeitig:

„Ja.“

Marina lächelte.

„Gut.“

Sie nahm sich etwas Brot.

„Dann ist Aiya Anusha offenbar wieder vollkommen normal.“

ZWEI TAGE ZUVOR

Der sogenannte Sieg über die Angreifer des Balls hatte sich für Tasha nie wie ein Sieg angefühlt.

Zwölf Geiselnehmer waren überwältigt worden.

Andos war gefangen.

Der Zugriff auf ARGUS war bei 81,4 Prozent gestoppt worden.

Der Präsident der Föderation war unverletzt geblieben.

Nerathi und Valqari hatten ihren Friedensvertrag unterschrieben.

Auf dem Papier war beinahe alles gut ausgegangen.

Aber Umrem hatte es in jener Nacht treffend formuliert:

„Information ist Macht.“

Und Hasad hatte Informationen bekommen.

Nicht den vollständigen ARGUS-Kern.

Etwas anderes.

Reaktionszeiten.

Sicherheitswege.

Verlagerungsmuster.

Prioritäten.

Elf Minuten lang hatte Aiya Anusha ihrem Feind gezeigt, wie sie auf einen Angriff reagierte.

Tasha hasste diesen Gedanken.

Deshalb hatte sie zwei Tage später den Führungsstab zusammengerufen.

T’Leya.

Umrem.

Narek.

Saan Liora.

Sela Varen.

Und natürlich Merok, obwohl Tasha sich nicht erinnern konnte, ihn eingeladen zu haben.

Er saß trotzdem da.

Mit einem PADD.

Natürlich.

Tasha stand am Kopfende des Tisches.

„So etwas passiert nicht noch einmal.“

Niemand sagte etwas.

„Ich weiß, dass der Angriff abgewehrt wurde.“

Sie sah zu Umrem.

„Ich weiß, dass wir Andos erwischt haben.“

Dann zu Merok.

„Und ich weiß, dass wir das teilweise einem zusätzlichen Abendessen verdanken.“

Merok richtete sich etwas auf.

Tasha hob sofort die Hand.

„Sag nichts.“

Merok schloss den Mund wieder.

Tasha fuhr fort.

„Aber sie waren bei 81,4 Prozent.“

Die Zahl erschien auf dem Bildschirm.

„Einundachtzig Komma vier.“

Sie ließ die Zahl im Raum stehen.

„Das ist keine Zahl, auf die ich stolz bin.“

Narek nickte.

„ARGUS wurde vollständig neu aufgebaut.“

„Gut.“

„Alle Schlüsselstrukturen wurden ersetzt.“

„Gut.“

„Biometrische Berechtigungen werden neu geprüft.“

„Sehr gut.“

Tasha legte beide Hände auf den Tisch.

„Aber ich glaube nicht, dass das reicht.“

T’Leya sah sie an.

„Was glaubst du?“

Tasha schwieg einen Moment.

„Ich glaube, wir haben ein internes Problem.“

Umrem blickte auf.

„Einen Spion?“

„Vielleicht.“

Der Raum wurde still.

Narek wollte sprechen, doch Tasha hob eine Hand.

„Ich sagte vielleicht.“

T’Leya nickte langsam.

„Die Möglichkeit existiert.“

„Ja.“

„Aber genau das könnte auch das Ziel sein.“

Tasha sah sie an.

T’Leya fuhr fort.

„Hasad weiß, dass wir nach dem Angriff nervös sind. Wenn er uns dazu bringt, einander zu verdächtigen, muss er gar keinen Agenten auf der Station haben.“

Umrem nickte.

„Paranoia kann genauso wirkungsvoll sein wie Infiltration.“

Tasha atmete aus.

„Genau deshalb wird niemand beschuldigt.“

Sie sah zu Narek.

„Keine Hexenjagd.“

„Verstanden.“

„Keine heimlichen Verhöre.“

„Verstanden.“

„Keine Karriere wird zerstört, weil irgendein Algorithmus sagt, jemand sei zu drei Prozent verdächtiger als gestern.“

Narek nickte.

„Wir prüfen Fakten.“

„Genau.“

Tasha sah in die Runde.

„Wenn es einen Spion gibt, finden wir ihn.“

Eine Pause.

„Wenn es keinen gibt, erfinden wir keinen.“

Umrem lächelte leicht.

„Das klingt fast vernünftig.“

Tasha sah ihn an.

„Möchtest du deinen nächsten Dienst auf einem Frachter verbringen?“

„Nein.“

„Dann genieß den Moment der Stille.“

Umrem wechselte die Anzeige.

„Wir haben außerdem etwas anderes vorzubereiten.“

Tasha stöhnte.

„Was jetzt?“

T’Leya grinste.

„Noch ein Ball?“

Tasha zeigte sofort auf sie.

„Sag dieses Wort nicht.“

Umrem lachte.

„Keine Sorge.“

„Gut.“

„Diesmal brauchst du keine Tanzkenntnisse.“

T’Leya lehnte sich zurück.

„Ausgezeichnet.“

Umrem tippte auf sein PADD.

„Obwohl Admiral Beverly Crusher offenbar Interesse an einem zukünftigen Besuch hat.“

Tasha hob den Kopf.

„Wirklich?“

„Ja.“

„Dann kann sie tanzen.“

T’Leya schüttelte den Kopf.

„Du weißt schon, dass sie diese ganze Sache mit der ‚Dancing Doctor‘ nie besonders mochte.“

„Dann tanzt niemand.“

Umrem grinste.

„Ich hätte das gern protokolliert.“

„Merok.“

„Ja, Admiral?“

„Nicht protokollieren.“

Merok blickte auf sein PADD.

„Zu spät.“

Tasha schloss die Augen.

T’Leya begann zu lachen.

Selbst Narek musste grinsen.

Für einen kurzen Moment fühlte sich die Besprechung beinahe normal an.

Dann wurde Umrem ernst.

„Es geht um das fünfunddreißigjährige Bestehen von Aiya Anusha.“

Tasha öffnete wieder die Augen.

„Fünfunddreißig.“

„Genau.“

Umrem ließ ein altes Hologramm der Station erscheinen.

Aiya Anusha sah darauf kleiner aus.

Unfertig.

Mehrere heutige Sektionen fehlten vollständig.

„Das ist eine der ersten Aufnahmen“, sagte Umrem.

Tasha betrachtete sie.

„Ich habe sie noch nie gesehen.“

„Die meisten haben das nicht.“

Ein zweites Bild erschien.

Eine Gruppe von Offizieren und Ingenieuren.

Menschen.

Vulkanier.

Andorianer.

Tellariten.

Und in der Mitte eine junge menschliche Frau.

Tasha betrachtete sie.

Etwas an ihrem Gesicht kam ihr bekannt vor.

„Wer ist das?“

Umrem lächelte.

„Die Person, wegen der wir dieses Jubiläum überhaupt feiern sollten.“

T’Leya sah auf das Bild.

„Ich dachte immer, ein Vulkanier hätte bei der Gründung der Station die Hauptrolle gespielt.“

„Wegen des Namens und ihrer Tradition?“

„Unter anderem.“

Umrem schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Er vergrößerte das Bild der Frau.

„Mensch.“

Tasha trat näher.

„Sie war allerdings stark von vulkanischer Philosophie beeinflusst.“

Umrem rief einen alten Datensatz auf.

„Surak. Logik. Selbstdisziplin. Zusammenarbeit statt Stammesdenken.“

T’Leya las einen Eintrag.

Dann lächelte sie.

„‚Suraks adoptierte Tochter‘?“

Umrem nickte.

„Ein Spitzname.“

„War sie Vulkanierin im Herzen?“

„Sie hätte diese Beschreibung vermutlich gehasst.“

Tasha betrachtete das Gesicht.

„Wer ist sie?“

Umrem sah sie an.

„Marina Brechek.“

Tasha erstarrte.

„Marina Brechek?“

„Du kennst den Namen.“

„Natürlich kenne ich den Namen.“

Tasha trat näher an das Hologramm.

„Als Kadettin habe ich über sie gelesen.“

Sie schüttelte ungläubig den Kopf.

„Sie war eine Legende.“

Umrem nickte.

„Sie stieg schnell auf. Commander. Später Captain.“

„Und dann verschwand sie.“

„Aus der Öffentlichkeit.“

Tasha sah ihn an.

„Ich dachte immer, sie hätte einfach das Interesse an der Sternenflotte verloren.“

„So lautet eine Version.“

„Und die andere?“

Umrem wechselte die Anzeige.

Alte Baupläne erschienen.

Im Zentrum:

AIYA ANUSHA – PROJEKTLEITUNG: M. BRECHEK

Tasha sagte nichts.

T’Leya ebenfalls nicht.

Umrem deutete auf den Namen.

„Sie hat Aiya Anusha nicht allein gebaut.“

„Natürlich nicht.“

„Aber das ursprüngliche Konzept, die diplomatische Funktion, die Zusammenarbeit mit den Vulkaniern und mehreren anderen Föderationswelten …“

Er sah zu Tasha.

„Vieles davon kam von ihr.“

Tasha betrachtete die Pläne.

„Warum steht ihr Name nirgendwo?“

„Weil sie das nicht wollte.“

Umrem rief einen alten Vermerk auf.

ANTRAG AUF BENENNUNG DES ZENTRALEN DIPLOMATISCHEN FLÜGELS NACH CAPTAIN BRECHEK – ABGELEHNT AUF AUSDRÜCKLICHEN WUNSCH DER BETROFFENEN.

T’Leya grinste.

„Ich mag sie.“

Tasha ebenfalls.

„Ich auch.“

Umrem deaktivierte die Anzeige.

„Sie wollte nie ein Denkmal.“

Tasha sah noch immer auf die Stelle, an der Marinas Bild verschwunden war.

„Ist sie noch am Leben?“

Umrem hob eine Augenbraue.

„Ja.“

Tasha sah ihn an.

„Wo?“

„Erde.“

„Und niemand hat sie eingeladen?“

Umrem lächelte.

„Noch nicht.“

Tasha stand auf.

„Dann ändern wir das.“

T’Leya grinste.

„Du willst also doch eine Feier.“

„Ich habe nicht gesagt, dass ich eine Feier will.“

„Was willst du dann?“

Tasha sah noch einmal auf das alte Bild von Aiya Anusha.

„Ich will, dass eine Frau, ohne die wir vermutlich nicht hier wären, nach fünfunddreißig Jahren einmal sieht, was aus ihrer Station geworden ist.“

Umrem nickte.

„Das klingt verdächtig nach einer Feier.“

Tasha zeigte auf ihn.

„Kein Ball.“

„Kein Ball.“

„Keine Tanzsequenz.“

„Keine Tanzsequenz.“

T’Leya hob die Hand.

„Dafür stimme ich.“

Merok schrieb etwas.

Tasha sah ihn.

„Was schreibst du?“

„Planungsvorgaben.“

„Merok.“

„Keine Tanzsequenz.“

Tasha nickte.

„Sehr gut.“

Merok tippte weiter.

„Vorläufig.“

Tasha starrte ihn an.

Zwei Tage später würde Marina Brechek tatsächlich auf Aiya Anusha stehen.

Tasha würde erfahren, wie eng Marinas Geschichte mit jener der Station verbunden war.

Sie würde Hasad treffen.

Sie würde ein Angebot ablehnen.

Und sie würde einen Satz hören, der ihr seitdem nicht mehr aus dem Kopf ging.

Es gibt einen Spion auf Aiya Anusha.

Beim Frühstück nach der Feier stand Tasha deshalb für einen Moment allein am großen Fenster.

Hinter ihr lachten Marina, T’Leya und Umrem.

Merok erklärte irgendjemandem, warum ein Termin um 08:30 Uhr technisch gesehen nicht dasselbe war wie „gegen halb neun“.

Alles wirkte normal.

Vielleicht war genau das das Problem.

Umrem trat neben sie.

„Du denkst darüber nach.“

Tasha sah weiter hinaus.

„Natürlich.“

„Hasad wollte, dass du das tust.“

„Ich weiß.“

„Vielleicht hat er gelogen.“

„Ich weiß.“

„Vielleicht hat er die Wahrheit gesagt.“

Tasha sah ihn an.

„Ich weiß.“

Umrem schwieg.

Tasha verschränkte die Arme.

„Wir tun genau das, was wir beschlossen haben.“

„Fakten.“

„Nur Fakten.“

„Keine Paranoia.“

„Keine.“

Umrem nickte.

Dann sah er in den Saal.

„Und bis wir etwas finden?“

Tasha folgte seinem Blick.

Marina Brechek saß zwischen alten und neuen Mitgliedern der Stationsbesatzung.

Fünfunddreißig Jahre Geschichte.

Menschen, Vulkanier, Andorianer und andere Spezies.

Verschiedene Generationen.

Verschiedene Geschichten.

Eine Station.

Tasha lächelte leicht.

„Bis dahin machen wir weiter.“

Umrem nickte.

„Damit kann ich leben.“

Tasha sah wieder hinaus zu den Sternen.

Irgendwo dort draußen lag Burgos.

Irgendwo dort draußen waren Hasad und Tarmak.

Und vielleicht befand sich irgendwo hier drinnen jemand, der ihnen half.

Vielleicht.

Aber Tasha würde ihnen nicht den Gefallen tun, ihre eigene Mannschaft aus Angst zu zerstören.

Wenn es einen Verräter gab, würde sie ihn finden.

Mit Beweisen.

Nicht mit Angst.

Hinter ihr erklang Marinas Stimme.

„Tasha!“

Sie drehte sich um.

„Was?“

Marina zeigte auf Umrems Teller.

„Hat dieser Mann gerade den gesamten Kaviar genommen?“

Tasha betrachtete den Teller.

Dann Umrem.

„Umrem.“

Er sah unschuldig zu ihr.

„Was?“

„Gib ihn zurück.“

„Aber—“

„Jetzt.“

Marina lachte.

T’Leya ebenfalls.

Und für einen kurzen Moment waren Hasad, Tarmak, Spione und Kriege weit entfernt.

Aiya Anusha feierte fünfunddreißig Jahre.

Nicht weil ihre Geschichte perfekt gewesen war.

Sondern weil sie trotz allem noch hier war.

Und vielleicht war genau das der wichtigste Grund zu feiern.

FORTSETZUNG FOLGT …

TEIL 6

FAMILIE

Es gab Tage, an denen selbst eine Raumstation zu schweigen schien.

Aiya Anusha war niemals wirklich still. Irgendwo summten immer Energieleitungen, Transporter entmaterialisierten Fracht, Shuttles glitten durch die Hangartore, Techniker diskutierten über Systeme, und aus den Bars und Restaurants drangen Stimmen unterschiedlichster Spezies in die Korridore.

Doch an diesem Tag nahm Tasha Franks all das kaum wahr.

Sie stand allein in ihrem Quartier vor dem großen Fenster.

Dahinter lagen die Sterne.

Kalt. Klar. Unendlich.

Tasha wollte sie heute nicht sehen.

„Computer“, sagte sie leise. „Fensteransicht ändern.“

Ein kurzer Signalton.

„Spezifizieren.“

Tasha schwieg einen Moment.

„Erde. Mitteleuropa. Herbst. Später Nachmittag. Starker Regen.“

Die Sterne verschwanden.

Stattdessen verwandelte sich das Fenster in eine Landschaft aus dunklen Wolken. Regen strömte über eine virtuelle Glasscheibe. Dahinter bewegten sich unscharfe Bäume im Wind. Gelbe und rote Blätter lagen auf einer Straße, auf der sich kleine Pfützen bildeten.

Es war keine echte Aussicht.

Kein echter Regen.

Nicht einmal eine Holodecksimulation.

Nur ein Bild.

Aber heute genügte es.

Tasha setzte sich in den Sessel neben dem Fenster und hielt ein Glas mit andorianischer Milch in der Hand. Das Getränk hatte einen eigenwilligen Geschmack, an den sich viele Menschen niemals gewöhnten. Es gab außerdem den alten Scherz, dass andorianische Milch für Menschen zwei garantierte Folgen hatte: schlechte Entscheidungen und Kopfschmerzen.

Tasha hatte sich irgendwann daran gewöhnt.

Zumindest an die Milch.

An schlechte Entscheidungen vermutlich auch.

Sie nahm einen kleinen Schluck.

Der Regen lief weiter über das künstliche Fenster.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit erlaubte sich Admiral Tasha Franks, nicht Admiral Tasha Franks zu sein.

Nicht die Kommandantin von Aiya Anusha.

Nicht die Frau, von der Hunderte erwarteten, dass sie Entscheidungen traf.

Nicht die Offizierin, die während einer Krise Ruhe ausstrahlen musste, selbst wenn um sie herum alles auseinanderzubrechen drohte.

Heute war sie einfach Tasha.

Und Tasha war müde.

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In ihrem Leben hatte sie vieles erlebt. Krieg. Verlust. Verrat. Freundschaft. Liebe. Siege und Niederlagen.

Sie hatte gelernt, in fast jedem Menschen etwas Gutes zu suchen. Selbst bei Personen, die ihr zunächst unsympathisch erschienen, versuchte sie herauszufinden, was sie bewegte.

Es war einer der Gründe gewesen, warum sie irgendwann Admiral geworden war.

Tasha konnte zuhören.

Doch es gab eine Person, der sie nur selten zuhörte.

Sich selbst.

Vielleicht war genau deshalb der Regen heute notwendig.

Er passte zu dem, was sie in sich spürte.

Denn bestimmte Wunden verschwanden nicht.

Man lernte lediglich, mit ihnen zu leben.

Tasha Franks war auf dem Mars aufgewachsen.

Nicht in einer der großen modernen Städte, die Touristen aus der gesamten Föderation anzogen, sondern in einer alten Bergbaukolonie, die Jahrzehnte zuvor wegen umfangreicher Dilithiumvorkommen errichtet worden war.

Ihre Eltern waren Techniker.

Arbeit bestimmte dort fast alles.

Schichtbeginn.

Schichtende.

Reparaturen.

Lieferungen.

Produktionszahlen.

Und danach begann am nächsten Morgen alles wieder von vorne.

Später hatten ihre Eltern zusätzlich ein kleines Geschäft eröffnet. Es war nichts Großes. Ein Laden für technische Ersatzteile, Werkzeuge, einige Lebensmittel und all jene Dinge, die Arbeiter in einer Bergbausiedlung schnell brauchten, wenn sie keine Lust hatten, mehrere Sektoren weiterzufahren.

Für Tashas Eltern bedeutete dieser Laden Zukunft.

Vielleicht sogar Freiheit.

Für Tasha bedeutete er vor allem eines:

Pflicht.

Schon als Kind wurde von ihr erwartet, mitzuhelfen.

Regale auffüllen.

Lieferungen kontrollieren.

Bestellungen sortieren.

Kunden bedienen.

Und sobald sie alt genug war, sollte sie selbstverständlich eines Tages einen Teil des Geschäfts übernehmen.

Es war nie wirklich gefragt worden, ob sie das wollte.

Ihre Eltern hielten es für selbstverständlich.

Tasha dagegen stellte Fragen.

Viele Fragen.

Warum funktionierte eine Maschine auf diese Art?

Warum musste ein bestimmtes Verfahren seit Jahrzehnten unverändert bleiben?

Warum konnte man ein Problem nicht anders lösen?

Warum sollte sie den Rest ihres Lebens auf dem Mars verbringen, nur weil ihre Eltern dort lebten?

Ihre Neugier war für Tasha selbstverständlich.

Für ihre Eltern war sie Provokation.

„Du glaubst immer, du weißt alles besser“, sagte ihre Mutter häufig.

Oder:

„Du musst immer das letzte Wort haben.“

Manchmal sagte ihr Vater nichts.

Und gerade dieses Schweigen verletzte sie beinahe mehr.

Denn irgendwann begann Tasha zu glauben, dass mit ihr tatsächlich etwas nicht stimmte.

Vielleicht war sie arrogant.

Vielleicht war sie schwierig.

Vielleicht überschätzte sie sich wirklich.

Wenn ein Kind oft genug hört, dass etwas mit ihm falsch sei, beginnt es irgendwann, selbst nach Beweisen dafür zu suchen.

Tasha fand viele.

Jeden kleinen Fehler verwandelte sie in eine Bestätigung.

Jede schlechte Note.

Jedes Missverständnis.

Jede ungeschickte Bemerkung.

Gleichzeitig bemerkte sie jedoch etwas anderes.

Außerhalb ihrer Familie reagierten Menschen anders auf sie.

Lehrer nannten sie neugierig.

Freunde nannten sie intelligent.

Ein ehemaliger Sternenflottenoffizier, der gelegentlich im Geschäft ihrer Eltern einkaufte, hatte einmal fast eine Stunde lang mit ihr über Subraumphysik gesprochen.

Am Ende hatte er gelächelt.

„Sie sollten sich die Sternenflottenakademie ansehen.“

Tasha hatte damals gelacht.

Doch dieser Satz blieb.

Die Sternenflotte.

Starfleet.

Allein das Wort fühlte sich an wie eine Tür.

Eine Tür hinaus aus dem kleinen Geschäft.

Hinaus aus der Bergbausiedlung.

Hinaus aus einem Leben, das bereits geplant worden war, bevor sie selbst entscheiden konnte, wer sie eigentlich sein wollte.

Für ihre Eltern war genau das das Problem.

Sie sahen die Sternenflotte nicht als wissenschaftliche und diplomatische Organisation.

Für sie war sie vor allem Militär.

Krieg.

Gefahr.

Eine Organisation, die irgendwann ihre Tochter irgendwohin schicken würde, wo sie vielleicht niemals zurückkehrte.

Vielleicht steckte hinter ihrer Ablehnung sogar Angst.

Doch Angst kann sich in hässliche Dinge verwandeln.

In Kontrolle.

In Spott.

In Ablehnung.

Und irgendwann war aus Sorge etwas geworden, das Tasha nur noch als Feindseligkeit empfand.

Ihr achtzehnter Geburtstag hätte einer der schönsten Tage ihres Lebens werden sollen.

Am folgenden Tag würde sie nach San Francisco reisen.

Aufnahmeprüfung für die Sternenflottenakademie.

Sie hatte monatelang gelernt.

Navigation.

Föderationsgeschichte.

Grundlagen der Exobiologie.

Mathematik.

Technische Systeme.

Sie hatte Prüfungssimulationen wiederholt, bis sie die Fragen beinahe auswendig kannte.

Trotzdem hatte sie Angst.

Nicht vor der Prüfung selbst.

Sondern davor, dass ihre Eltern vielleicht recht haben könnten.

Was, wenn sie tatsächlich nicht gut genug war?

Am Abend vor ihrer Abreise hatte Tasha deshalb etwas versucht, das ihr später beinahe naiv vorkam.

Sie wollte Frieden.

Nur für einen Abend.

Sie betrat den kleinen Aufenthaltsraum über dem Geschäft. Ihre Mutter sortierte Abrechnungen. Ihr Vater überprüfte Ersatzteilbestellungen.

Ihr jüngerer Bruder Rudolf saß auf dem Boden und spielte mit einem kleinen Modell eines Sternenflottenschiffes.

Rudolf.

Allein sein Anblick brachte Tasha damals zum Lächeln.

Zwischen ihnen lagen viele Jahre.

Für ihn war sie nicht nur Schwester.

Manchmal war sie Babysitterin gewesen.

Hausaufgabenhilfe.

Beschützerin.

Fast eine zweite Mutter.

Tasha ging in die Hocke und strich ihm kurz durch die Haare.

Dann stand sie auf.

„Ich möchte mit euch sprechen.“

Ihre Mutter legte das PADD nicht weg.

„Worüber?“

Tasha atmete tief durch.

„Über morgen.“

Jetzt sah ihre Mutter auf.

Tasha hatte sich die Worte vorher zurechtgelegt.

„Ich weiß, dass ihr keine Unterstützer der Sternenflotte seid. Und ich weiß auch, dass ihr nicht glücklich darüber seid, dass ich mich beworben habe.“

Keine Reaktion.

„Aber es ist meine Entscheidung. Ich erwarte nicht, dass ihr plötzlich begeistert seid. Ich möchte nur, dass ihr sie respektiert.“

Ihre Mutter verzog das Gesicht.

Tasha fuhr fort.

„Und vielleicht…“

Sie hielt kurz inne.

„Vielleicht könntet ihr sogar ein bisschen stolz auf mich sein.“

Sie hatte diesen Satz kaum ausgesprochen, da wusste sie bereits, dass es ein Fehler gewesen war.

Ihre Mutter stand auf.

„Stolz?“

Tasha sagte nichts.

„Nein, liebe Tochter. Wir sind nicht stolz.“

Der Tonfall war ruhig.

Fast zu ruhig.

„Du hast uns enttäuscht.“

Tasha spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.

„Mama…“

„Nein. Jetzt hörst du einmal zu. Deine Familie hat alles für dich getan. Und was machst du? Du lässt uns hier zurück, für eine Organisation, die dich wahrscheinlich nicht einmal ernst nimmt.“

„Das stimmt nicht.“

„Natürlich glaubst du das.“

Die Mutter schüttelte den Kopf.

„Du warst schon immer eine Besserwisserin.“

Tasha sah zu ihrem Vater.

Er sagte nichts.

„Ich weiß nicht einmal, ob die Akademie dich nehmen wird“, fuhr ihre Mutter fort. „Du hältst dich für etwas Besonderes. Aber vielleicht wirst du morgen endlich herausfinden, dass die Welt dich nicht so sieht, wie du dich selbst siehst.“

Tasha spürte Tränen in ihren Augen.

Sie wollte sie nicht zeigen.

„Ich schaffe die Prüfung.“

Ihre Mutter lachte kurz.

Es war kein freundliches Lachen.

„Das werden wir sehen.“

Dann kam der Satz, den Tasha Jahrzehnte später noch Wort für Wort hören konnte.

„Die Sternenflotte macht viele dumme Dinge. Aber ich glaube nicht einmal, dass sie so dumm ist, dich aufzunehmen.“

Stille.

Rudolf hatte aufgehört zu spielen.

Tasha sah noch einmal zu ihrem Vater.

Nur ein Wort.

Mehr hätte sie nicht gebraucht.

Ein einziges.

Aber er sagte nichts.

Tasha nickte langsam.

„Okay.“

Mehr brachte sie nicht heraus.

Sie ging in ihr Zimmer.

Packte ihre Sachen.

Und am nächsten Morgen verließ sie die Kolonie.

Allein.

Das Shuttle nach San Francisco war beinahe leer.

Tasha saß am Fenster.

Unter ihr verschwand die rote Oberfläche des Mars.

Irgendwann schloss sie die Augen.

Sie sagte sich immer wieder denselben Satz.

Ich schaffe das.

Doch darunter hörte sie die Stimme ihrer Mutter.

Sie werden dich nicht nehmen.

Besserwisserin.

Enttäuschung.

Arrogant.

Als das Shuttle auf der Erde landete, hatte Tasha eine Entscheidung getroffen.

Sie würde die Prüfung nicht bestehen, um ihrer Mutter etwas zu beweisen.

Sie würde sie bestehen, weil es ihr Leben war.

Und sie bestand.

Nicht knapp.

Nicht durch Glück.

Sie bestand deutlich.

Als sie später das Gelände der Sternenflottenakademie betrat und zum ersten Mal ihre zukünftigen Kameraden sah, wusste sie noch nicht, wie entscheidend dieser Ort für sie werden würde.

Menschen, Vulkanier, Andorianer, Tellariten und Angehörige Dutzender anderer Welten.

Sie waren Konkurrenten.

Dann Kollegen.

Und irgendwann Freunde.

Manche wurden ihr näher als Menschen, mit denen sie ihr Blut teilte.

Zum ersten Mal lernte Tasha etwas, das sie als Kind niemals verstanden hatte:

Familie konnte man auch finden.

Der künstliche Regen lief noch immer über das Fenster ihres Quartiers.

Admiral Tasha Franks öffnete die Augen.

Jahrzehnte waren seit jenem Tag vergangen.

Sie hatte eine Karriere aufgebaut, die ihr achtzehnjähriges Ich kaum für möglich gehalten hätte.

Und trotzdem genügte manchmal ein einziger Satz, um sie wieder in dieses kleine Zimmer auf dem Mars zurückzubringen.

Vielleicht war das auch der Grund, warum sie Lob niemals gut annehmen konnte.

Wenn jemand sagte:

„Ausgezeichnet gemacht, Admiral.“

Dann wartete ein Teil von ihr immer auf den zweiten Satz.

Auf das Aber.

Auf den Angriff.

Auf die Erklärung, warum das Lob eigentlich nicht ernst gemeint war.

Es war ein Verteidigungsmechanismus geworden.

Lieber erwartete sie Kritik, bevor sie überrascht werden konnte.

Lieber kritisierte sie sich selbst zuerst.

Dann konnte es niemand anderes schlimmer machen.

Sie wusste inzwischen, woher es kam.

Aber Wissen machte eine Wunde nicht automatisch kleiner.

Und heute war diese Wunde wieder offen.

Nicht wegen ihrer Mutter.

Nicht wegen ihres Vaters.

Sondern wegen Rudolf.

Tasha aktivierte das PADD auf dem Tisch.

Die Nachricht war noch immer geöffnet.

Sie hätte sie längst schließen sollen.

Sie tat es nicht.

Auf dem Bildschirm war Rudolf Franks zu sehen.

Ihr kleiner Bruder.

Nicht mehr klein.

Ein erwachsener Mann.

Und hinter ihm das Symbol der STA.

Talmaks Organisation.

Tasha hatte zunächst geglaubt, es handle sich um eine Falschmeldung.

Doch Rudolf war nicht nur Sympathisant.

Er war Mitglied geworden.

Und wenige Stunden zuvor hatte er bei einer öffentlichen Veranstaltung gesprochen.

Die Rede verbreitete sich inzwischen überall.

Tasha drückte erneut auf Wiedergabe.

Rudolf erschien.

„Tasha Franks hält sich seit ihrer Jugend für besser als andere.“

Tasha starrte auf den Bildschirm.

„Sie ist eine Besserwisserin.“

Dasselbe Wort.

Jahrzehnte später.

Dieselbe Wunde.

„Sie ist eine Lügnerin.“

Tasha spürte ihre Hand fester um das Glas greifen.

„Eine Narzisstin.“

Sie schloss kurz die Augen.

„Ich glaube, sie ist geisteskrank.“

Noch immer sagte sie nichts.

Dann kam der Satz, der sie vielleicht am härtesten traf.

„Sie ist machtgeil. Menschen wie sie werden irgendwann die Föderation zerstören. Und während sie das tun, sollen wir bei der STA einfach zuschauen? Nein.“

Tasha stoppte die Aufnahme.

Stille.

Der Regen fiel weiter.

Rudolf.

Der Junge, dem sie Geschichten erzählt hatte, wenn er nicht schlafen konnte.

Der Junge, dessen Hand sie gehalten hatte, als er sich bei einem Unfall verletzt hatte.

Der Junge, für den sie heimlich kleine Sternenflottenmodelle gekauft hatte, obwohl ihre Mutter sie dafür kritisierte.

Vielleicht hatte Tasha irgendwann geglaubt, dass zumindest Rudolf anders war.

Und genau deshalb tat es so weh.

Das Türsignal ertönte.

Tasha reagierte nicht.

Noch einmal.

„Herein.“

Die Tür öffnete sich.

Umrem Troxie trat ein.

Er sagte zunächst nichts.

Er brauchte auch nichts zu sagen.

Umrem konnte Menschen lesen.

Besonders Tasha.

Sein Blick wanderte zum künstlichen Regen.

Dann zur andorianischen Milch.

Dann zum PADD.

„Das ist eine ziemlich eindeutige Kombination.“

Tasha hob eine Augenbraue.

„Was?“

„Regen, andorianische Milch und du beantwortest seit einer Stunde Nachrichten mit maximal drei Wörtern.“

Er hielt kurz inne.

„Man merkt, dass es dir nicht gut geht.“

Tasha sah wieder zum Fenster.

„Mir geht es ausgezeichnet.“

Umrem nickte.

„Natürlich.“

Er zog eine Flasche hinter seinem Rücken hervor.

„Deshalb habe ich etwas mitgebracht.“

Tasha sah hin.

„Was ist das?“

„Wein.“

„Das erkenne ich.“

Umrem grinste.

„Gut. Dann funktionieren zumindest deine Augen noch.“

Trotz allem musste sie beinahe lächeln.

Er stellte die Flasche auf den Tisch.

„Italien. Eine alte Rebsorte. Die Tradition soll über tausend Jahre zurückreichen. Ich dachte, wenn du schon einen schlechten Tag hast, solltest du wenigstens einen guten Rotwein dazu bekommen.“

Tasha betrachtete die Flasche.

„Du weißt, dass Alkohol keine Probleme löst.“

„Natürlich.“

Umrem setzte sich ihr gegenüber.

„Aber manchmal muss auch nicht alles sofort gelöst werden.“

Tasha schwieg.

Dann sagte sie leise:

„Das heute hat wehgetan.“

Umrems Gesicht wurde ernst.

„Ich weiß.“

„Von allen Menschen… Rudolf.“

„Ich weiß.“

Tasha sah ihn an.

„Vielleicht haben sie recht.“

„Nein.“

Die Antwort kam sofort.

„Du hast nicht einmal gehört, was ich sagen wollte.“

„Musste ich nicht.“

Tasha lehnte sich zurück.

„Wir werden noch vieles erleben, Umrem.“

„Mit Sicherheit.“

„Und vielleicht wird einiges davon schlimmer als das hier.“

Umrem nickte.

„Bestimmt.“

Sie sah ihn verwundert an.

„Das sollte jetzt aufmunternd sein?“

„Ich bin noch nicht fertig.“

Er deutete auf sie.

„Wir werden Probleme haben. Wir werden Fehler machen. Menschen werden uns hassen. Andere werden Dinge über uns sagen, die nicht stimmen. Vielleicht werden wir manchmal selbst nicht wissen, was richtig ist.“

Er lehnte sich etwas vor.

„Aber eines weiß ich.“

Tasha wartete.

„Auf Aiya Anusha bist du nicht allein.“

Tasha sagte nichts.

Umrem stand auf.

„Und bevor du jetzt noch melancholischer wirst: Ich brauche dich.“

„Wofür?“

„Docking Bay 42.“

Tasha verzog das Gesicht.

„Was ist passiert?“

„Ein Problem.“

„Welches Problem?“

„Eines, bei dem ich sehr gerne die Admiralität persönlich verantwortlich machen würde.“

„Umrem.“

„Docking Bay 42.“

Tasha seufzte.

„Gut.“

Wenige Minuten später öffneten sich die Türen zur Docking Bay.

Tasha trat hinein.

Das Licht war gedimmt.

„Umrem?“

Keine Antwort.

„Computer, Beleuchtung—“

Plötzlich gingen sämtliche Lichter an.

„ÜBERRASCHUNG!“

Tasha blieb stehen.

Vor ihr stand beinahe die gesamte Senior Crew von Aiya Anusha.

In der Mitte des Raumes war ein Tisch aufgebaut.

Darauf ein großer Kuchen.

Nicht besonders elegant.

Offensichtlich hatte ihn jemand selbst gemacht.

Die Verzierung war schief.

Das Modell von Aiya Anusha aus Zuckerguss sah eher wie ein explodierter Raumkreuzer aus.

Tasha starrte darauf.

Dann auf die Crew.

„Was…?“

Umrem trat neben sie.

„Technisches Problem.“

Tasha blickte zu ihm.

„Welches?“

„Der Kuchen war zu groß für den Replikator.“

Jemand aus der Crew lachte.

Dann noch jemand.

Und plötzlich lachte Tasha ebenfalls.

Zum ersten Mal an diesem Tag wirklich.

Jemand reichte ihr ein Glas.

Jemand anderes begann eine Geschichte darüber zu erzählen, wie beinahe die halbe Küche zerstört worden war, weil niemand wusste, wie man einen echten Kuchen backt.

Nach wenigen Minuten redeten alle durcheinander.

Genau wie eine Familie.

Tasha stand mitten unter ihnen.

Und plötzlich dachte sie wieder an den Mars.

An ihre Mutter.

An ihren Vater.

An Rudolf.

Die Erinnerungen verschwanden nicht.

Vielleicht würden sie das niemals.

Aber etwas hatte sich verändert.

Sie hatten nicht mehr denselben Platz in ihrem Leben.

Tasha sah die Menschen um sich herum an.

Menschen, die mit ihr gestritten hatten.

Menschen, die ihre Entscheidungen kritisiert hatten.

Menschen, die ihr widersprochen hatten.

Und Menschen, die trotzdem geblieben waren.

Vielleicht war genau das der Unterschied.

Familie bedeutete nicht, immer derselben Meinung zu sein.

Familie bedeutete nicht, jemanden ständig zu loben.

Familie bedeutete auch nicht zwangsläufig gemeinsames Blut.

Familie bedeutete, dass man jemanden nicht kleiner machen musste, damit man selbst größer wirkte.

Familie bedeutete, dass man zurückkam.

Dass man blieb.

Dass man ehrlich sein konnte und trotzdem wusste, dass der andere morgen noch da war.

Umrem trat neben sie.

„Besser?“

Tasha sah noch einmal zum völlig misslungenen Kuchen.

„Ein bisschen.“

„Nur ein bisschen?“

„Der Kuchen sieht katastrophal aus.“

„Das war Absicht.“

„Natürlich.“

Sie nahm einen Schluck Wein.

Dann blickte sie zu den Menschen, die inzwischen darüber diskutierten, wer eigentlich für die schiefe Dekoration verantwortlich war.

Tasha lächelte.

Vielleicht konnte man sich seine Herkunft nicht aussuchen.

Vielleicht konnte man nicht entscheiden, welche Wunden einem andere Menschen zufügten.

Aber man konnte entscheiden, wem man später erlaubte, einen Platz im eigenen Leben einzunehmen.

Und an diesem Abend verstand Tasha Franks etwas, das sie vielleicht schon seit der Akademie gewusst hatte, ohne es jemals wirklich auszusprechen:

Blut machte Menschen zu Verwandten.

Liebe, Vertrauen und das freiwillige Bleiben machten sie zu Familie.

Draußen vor Aiya Anusha lagen Millionen Sterne.

In Tashas Quartier fiel noch immer künstlicher Regen.

Doch sie war nicht mehr dort.

Sie stand in Docking Bay 42.

Mit ihrer Familie.

Und für diesen einen Abend war das genug.

FORTSETZUNG FOLGT …